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„Cadavre Exquis“ – oder wie ein „köstlicher Leichnam“ ein Stück komponiert

„Cadavre Exquis“. Was zunächst morbide klingt, ist eigentlich ein Spiel, das den meisten von uns bekannt sein dürfte. Die Regeln sind denkbar einfach. Zunächst legen die Mitspielenden eine Satzstruktur fest (üblicherweise Subjekt – Prädikat – Adjektiv – Objekt). Dann schreibt jeder auf ein Blatt einen Satzanfang, faltet das Papier um und gibt es an den nächsten Spieler weiter. In der nächsten Runde schreibt jeder den zweiten Teil des Satzes, knickt wieder das Papier und gibt es weiter. So entstehen am Ende vollständige, meist ziemlich absurde Sätze.

Ein surrealistisches Spiel

Zu seinem etwas absonderlichen Namen kam das Spiel bei den Surrealisten um den Dichter André Breton. Die Bewegung entstand in den 1920er Jahren vor allem in Kunst, Literatur und Film. Die Surrealisten wollten die Wirklichkeit erweitern und nutzten Rausch- und Traumerlebnisse aber eben auch Zufälle als Quelle ihrer künstlerischen Arbeit. Der in einem ihrer Spiele entstandene Satz „Le cadavre-exquis-boira-le-vin-nouveau“  wurde zum klassischen Beispiel und Namensgeber für das Konzept. Übersetz heißt der Satz „Der köstliche-Leichnam-wird-den-neuen-Wein-trinken“. Ob der Leichnam nun wirklich als „köstlich“ oder vielleicht auch als „charmant“ verstanden wird – an der Absurdität des Satzes ändert es nichts.

Das gleiche Spiel kann man auch mit Zeichnungen durchführen, dabei zeichnen die Teilnehmer einzelne Körperteile und es entstehen äußerst interessante Fantasiewesen. Wir haben das mal für Euch ausprobiert:

 

 

Dass man mit diesem Konzept sogar Musik komponieren kann, hört Ihr bei unserer diesjährigen Ausgabe von „Open your ears“. Die Uraufführung von „Cadavre exquis – Ein Melodram“ besteht aus fünf Teilen. Davon werden vier am 15.03. live zu hören sein. Der fünfte – ein Remix aus der Live-Aufnahme der Teile I bis IV – erklingt dann erst am 06.04. um 00:05 Uhr im Radio bei Deutschlandfunk Kultur.

Eine spielerische Komposition

Entstanden sind diese einzelnen Teile nach dem Prinzip des „Cadavre Exquis“: Der Komponist von Teil I, Gordon Kampe, hat die letzten drei Seiten seiner Partitur an den*die Komponist*in Neo Hülcker und die Librettistin Elisabeth R. Hager weitergegeben. Sie haben gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Mendelssohn-Bartholdy Gymnasiums Teil II komponiert und wieder die letzten drei Seiten der Partitur weitergegeben. So enstanden die insgesamt vier Teile gemeinsam mit fünf Komponist*innen, Berliner Schülerinnen und Schülern und sogar einer Klasse aus Hailuoto in Finnland!

Alle Beteiligten, Komponist*innen, Schulklassen und Mitwirkende werden das Stück erst bei der Uraufführung komplett hören. Wir sind sehr gespannt, wie das Ergebnis von Teil I – 4 tatsächlich klingen wird! Einen kleinen Ausschnitt konnten wir aus der Probe mitbringen:

 

Und für alle, die es nicht zur ausverkauften Uraufführung schaffen: das komplette Werk läuft am 06.04. im Radio und ist im Anschluss in der Mediathek von Deutschlanfunk Kultur zu hören.

Alle Infos:

Cadavre exquis – Ein Melodram (Uraufführung) mit Werken von Berliner Jugendlichen, Antye Greie-Ripatti, Neo Hülcker/Elisabeth R. Hager, Gordon Kampe, Antje Vowinckel

 

von Luisa Aha