Allgemein, Konzerthausorchester

Zwischen Gendarmenmarkt, Schreibtisch und dem Zig Zag Jazz Club

„Auf keinen Fall Jazz! Ruiniert den Ansatz und macht den Ton kaputt!“ Eine eindringliche Warnung des Trompetenlehrers – die Stephan Stadtfeld, Trompeter des Konzerthausorchesters und damals ungefähr 11 Jahre alt, gar nicht beeindruckte. Genau wie das strikte Big-Band-Verbot. Zum Glück war er rebellisch genug, um die Warnung in den Wind zu schlagen und in der Big Band seine Liebe zum Jazz zu entdecken. Bis heute: „Ich will mich nicht zwischen klassischer Musik und Jazz entscheiden müssen, sondern einen Weg finden, beide Richtungen miteinander zu verbinden.“ So wie zum Beispiel eines seiner Idole, der großartige Wynton Marsalis. Der beherrscht nämlich sowohl das klassische Trompetenrepertoire als auch Jazz-Trompete auf gleichermaßen hohem Niveau. Und komponiert und arrangiert. Das gehört mittlerweile für Stephan nämlich ebenfalls zum Musikerdasein ganz selbstverständlich dazu.

Schon immer habe es ihn neugierig gemacht, wie genau ein Stück zu seinem schönen Klang kommt oder wie ein Akkord aufgebaut sein muss, um so zu klingen, wie er nunmal klingt. Aber erst seit etwa drei Jahren geht Stephan seiner Neugierde auch in der Praxis nach, nämlich beim Arrangieren und Komponieren eigener Stücke. Am Anfang steht bei ihm oft die für den Jazz typische Improvisation. Hat er dann auf diese Weise eine Melodie oder ein Thema gefunden, setzt sich Stephan an den Schreibtisch und beginnt mit der eigentlichen Komposition. „Das kann harte und manchmal auch nervige Arbeit sein“, gesteht er. Aber trotzdem machen ihm Arrangieren und Instrumentieren so viel Spaß, dass er sich nach den täglichen Orchesterproben mindestens zwei bis drei Stunden dafür Zeit nimmt. Für andere Projekte außerhalb des Orchesters, wie zum Beispiel sein Duo mit einem Organisten, bleibt da zumindest im Moment nicht mehr allzu viel Zeit.

Denn grade befindet sich Stephan sozusagen auf der Zielgeraden: Am 28. September spielen einige seiner Kolleginnen und Kollegen aus dem Konzerthaus und seine Freunde aus der Jazz-Szene seine Werke. Gemeinsam mit unserem Dramaturgen Dietmar Hiller hat er ein Programm zusammengestellt, das sich hören lassen kann! Zu Beginn des Programms bleiben Stephans Bläser-Kollegen zunächst mit dem Oktett für Blasinstrumente von Strawinksy unter sich. Dann spielen vier Streicher die Fünf Stücke für Streichquartett von Erwin Schulhoff. Das sind zwei Werke, die mit ihrer progressiven Harmonik schon eine optimale Grundlage für den jazzigen Teil des Abends schaffen. Nach der Konzertpause ist dann alles „made by Stephan“. Das Ensemble aus acht Bläsern, vier Streichern und dem Jazz-Trio ist das größte, wofür Stephan bislang komponiert hat, er nennt es ganz passend „Chamber Jazz Orchester“.

Neben den Arrangements von Klassikern von Chopin und Smetana führt das Ensemble aber auch Stephans „7 Berlin Creations“ auf. Sieben Stücke, die er als sein ganz persönliches Resümee der zehn Jahre beschreibt, die er nun schon in Berlin lebt. Die zahlreichen Höhen und Tiefen, die unendlichen Spannungen und Gegensätze der Stadt waren für Stephan die Inspiration zu diesem Werk. Kein Wunder, dass sein Lieblingsort in Berlin der eigene Balkon ist: Hier kann er sich vom Treiben der Millionenstadt ausruhen, hat Berlin aber mit Blick auf den Fernsehturm trotzdem immer vor Augen.

Übrigens: Wusstet ihr, dass Blechbläser beim Anblick einer saftigen Zitrone Schwierigkeiten mit dem Spielen bekommen? Angeblich ist der unkontrollierte Speichelfluss, den die Zitrusfrüchte nur durch ihre bloße Anwesenheit verursachen, dafür verantwortlich. Das mussten wir natürlich ausprobieren, und Stephan hat gern das Versuchskaninchen gespielt, unser Mitarbeiter Rudi durfte den Part mit der Zitrone übernehmen.

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Ergebnis: Die Wangen ziehen sich tatsächlich ein bisschen zusammen, was das Spielen schwieriger macht – aber nicht unmöglich. Und: Stephan kann nicht nur richtig schön Jazz auf dem Flügelhorn spielen wie in dem oberen Clip gemeinsam mit unserem Dramaturgen Dietmar Hiller, auch Ketchup hat er drauf. Beweis erwünscht?

 

Zum Schluss noch Stephans Empfehlung: Ein Besuch der angenehm entspannten Jam Session im Zig Zag Jazz Club, immer dienstags ab 20.30 Uhr. Und vielleicht ist Stephan selbst bald mal wieder dabei.

 

Fotos: Frank Schindelbeck (Galerie 2), Uwe Arens und Marco Borggreve (Galerie 1)

von Rudi Schmid und Renske Steen


 

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