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#summerfavourites no 3

Ganz ehrlich? Eigentlich mag Tabea Zimmermann den Sommer nicht so gern – oder vielmehr die Sonne. Schatten ist ihr lieber! Die Bratschistin, die kommenden Freitag und Sonnabend mit dem Konzerthausorchester ein für sie komponiertes Konzert von Michael Jarrell spielt, flüchtet am liebsten in Richtung Norden oder in die Berge, wenn bei uns die Temperaturen in die Höhe klettern. Mit ihr über ihre Sommerfavoriten zu sprechen, hat trotzdem großen Spaß gemacht. Dank einer Portion Haselnusseis – Tabeas Lieblingssorte – hat’s auch gut geschmeckt und vor allem spannende Einblicke in ihre Arbeit mit dem Werk „Emergences – Résurgences“ mit sich gebracht.

Das Stück ist nämlich auch für die Bratschistin ein richtiges Abenteuer. Vor etwas über einem halben Jahr hat sie es zum ersten Mal aufgeführt – und stand damals mit einem Puls von 200 auf der Bühne.

„Jarrell hat etwas geschrieben, das eigentlich unspielbar ist. Ich springe sowas von schnell über die Bratsche, total ‚unbratschig‘, wenn man so will. Es gibt einen hohen Level an Virtuosität – die ja immer erst spannend wird, wenn sie mit Leichtigkeit vorgetragen werden kann. Das muss ich mir hart erarbeiten. Deswegen ist es ganz toll, dass ich dieses Stück in kurzer Zeit so oft spielen kann. Erst mit der Zeit kann ich etwas mehr von außen hören und noch mehr genießen, was ich schon beim ersten Spielen unter ziemlicher Anstrengung gehört habe: Es ist ein wunderbares Stück, das eine ganz große Geschichte erzählt.“

Michael Jarrell wusste genau, was er seiner Solistin zumuten kann. Während der Arbeit am Konzert hat er Tabea Zimmermann immer mal wieder per Mail einen Akkord zugeschickt, verbunden mit der Frage „Geht der?“ „Und eigentlich gingen die alle nicht“, erinnert sich Tabea. Aber sie hat jedes Mal die Bratsche in die Hand genommen und so lange rumprobiert, bis Jarrells Vorstellung verwirklicht war. „Ich habe das Gefühl, er arbeitet laborartig. Er schaut, was geht. Und wenn er weiß, was geht, sucht er die Varianten, die eigentlich nicht gehen.“

Am Ende hatte das Konzert „vier Sätze, die sehr, sehr unterschiedlich sind. Das Tolle am Stück ist ein wahrer Reichtum an verschiedenen Situationen und an Korrespondenzen mit dem Orchester: Tonhöhen, rhythmische Elemente, Flageolett-Wiederholungen, die im ganzen Orchester überall als stille, liegende Teppiche wiederkehren. Man erkennt schon beim ersten Hören sofort, dass das kein Zufall ist. Es ergibt sich ein Gespräch. Das finde ich besonders schön.“

Die Konzerte mit dem Konzerthausorchester und Dirigent Mario Venzago sind für Tabea die letzten vor einer kurzen Sommerpause. Mitte August bricht sie in Richtung Norwegen zum Festival von Leif Ove Andsnes auf. Der Pianist hat dort im letzten Jahr zum ersten Mal das Kammermusikfestival in Rosendal veranstaltet – einem Ort mit ein paar Häusern, einer Kirche und einem Konzertsaal südlich von Bergen. Und die Sonne kann man dort vermutlich auch ganz gut aushalten!

Wärme macht Tabea Zimmermann nämlich nicht nur im Alltag, sondern auch im Konzert manchmal richtig zu schaffen – Stichwort „schwitzige Hände“. Neben einer guten Klimaanlage und viel Zeit zum Einspielen hilft ihr in solchen Situationen auch ihre Bratsche – ein „wahnsinnig zuverlässiges, fast schon gleichmütiges Instrument“. Das vermutlich sogar vom Haselnusseis verklebte Finger verkraften würde. Aber soweit lässt es Tabea natürlich nie kommen!

 

von Renske Steen


 

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