Allgemein, Hommage an Dmitri Schostakowitsch

DSCH#5 – Der Komponist und der Tod

Der Abschluss unserer Skizzenreihe zum Programm der Schostakowitsch-Hommage – die letzten neun Jahre seines Lebens ist Schostakowitsch ein sehr kranker Mann. Er beschäftigt sich mit Leben und Tod – und mit Werken großer Dichterinnen und Dichter.

Am 12. Mai 1966 überreichte Schostakowitsch Mstislaw Rostropowitsch sein fertiges zweites Cellokonzert. Sechs Tage danach erlitt er einen Herzinfarkt. In allen Werken der folgenden neun Jahre steht der Tod im Mittelpunkt. Schostakowitschs Gesundheit war schon länger angeschlagen. Erst hatten die Arme nicht mehr richtig funktioniert, dann die Beine. Zu einer klaren Diagnose kamen weder russische noch US-amerikanische Mediziner. Klavierspielen war nur noch privat möglich, für Konzerte konnte er die Anforderungen nicht mehr erfüllen.

Sowjetisches Tabu Tod

In seinem Spätwerk setzte sich der Komponist auf einzigartige Weise mit seinem eigenen Leben und mit dem Tod auseinander. Der war im Land des glücklichen Sozialismus ebenso ein Tabu wie im Westen für die glücklichen Konsumenten. Die elf Gedichte seiner vierzehnten Sinfonie widmen sich allesamt ausschließlich diesem Thema. In der auf die gleiche Weise strukturierten Michelangelo-Suite folgt dem Gedicht „Tod“ immerhin noch „Unsterblichkeit“. Schostakowitsch hatte Sonette und Gedichte des Renaissance-Künstlers ausgewählt, die mit einem Papst, der aus Kelchen Schwerter schmiedet, scharf ins Gericht gehen. Und wie wichtig ihm das von der Gesinnung her so ähnliche Shakespeare-Sonett Nr. 66 immer noch war, zeigte er dadurch, dass er die „Sechs englischen Lieder“ von 1943 für Orchester instrumentierte.

Schostakowitsch und die Lyrik

Überhaupt wagte Schostakowitsch es nun, wieder mehr auf Texte zu komponieren. Sogar symbolistische Dichtung wie die von Alexander Blok erschien ihm jetzt geeignet, einen düsteren Ausblick auf die Zukunft zu gestalten. Gamajun, der Prophetenvogel, kündet „Hunger, Aufruhr, Tyrannei“, während geheimnisvolle Zeichen sagen: „Ach, ich sehe mein Ende schon winken, und Vernichtung und Krieg werden sein.“

Prophetenvogel Gamajun

Auch die Dichterin Marina Zwetajewa, die im Stalinismus Suizid beging, kommt in einem eigenen Liederzyklus zu Wort. Eines der Gedichte ist der auch von Schostakowitsch verehrten Anna Achmatowa gewidmet, der Dichterin des Stalinterrors. Und mit Zwetajewa hoffte der Komponist: „Für meine Verse, wie für alte Weine kommt noch die Zeit herauf!“

In den Jahren 1971 und 1972 war Schostakowitsch zu krank, um mehr als seine fünfzehnte Sinfonie zu schreiben. Dort zitiert er Wagners „Todesverkündung“ aus der „Walküre“. Zugrunde lagen ihr Gedanken aus Tschechows Erzählung „Der schwarze Mönch“, die von einem Mann handelt, der einer Erscheinung glaubt, er tauge zum Genie – doch leider wird er kuriert und endet im Mittelmaß. So kreisten auch Schostakowitschs Gedanken mehr und mehr um die Frage, was sein Leben wert gewesen sei und ob seine Musik ihm Unsterblichkeit schenken werde.

„Hofnarr und mausgrauer Komponist“?

Oft genug hatte er sich mit dem Clown identifiziert, dem Witz, der nicht totzuschlagen ist und den Mächtigen kontra gibt. Aber wird ein Clown unsterblich? War er nur der Hofnarr des Regimes und ein mausgrauer Komponist, wie er sich einmal charakterisierte? Diese Fragen gestaltet er in seinen letzten Werken auf hochspannende Weise. In seinem letzten Streichquartett nimmt er Fäden wieder auf, die er in seiner Jugend gesponnen hatte, etwa in den Aphorismen für Klavier von 1927. Schon dort geisterte das Dies irae ebenso durch die Musik wie alte Trauermusikformeln.

Sein allerletztes Werk, die Bratschensonate, fertiggeschrieben auf dem Totenbett im Krankenhaus, zitiert Bruchstücke seiner sämtlichen fünfzehn Sinfonien, ohne dass der Hörer das merken könnte. Auch an einen Trauermarsch erinnerte er sich jetzt, den er als Elfjähriger geschrieben hatte, nachdem er während der Revolution hatte mitansehen müssen, wie ein Junge getötet wurde. Und an ein Klavierstück in Fis-Dur, das er als Neunjähriger komponiert hatte – so schloss er den Bogen über sein Leben. Er stirbt am 9. August 1975.

Text: Bernd Feuchtner

Fotos: DSCH Publishers (Kleines Bild: Dmitri und Irina Schostakowitsch in Riga 1968); Illustration: Wiktor Wasnezow (1898)

DSCH# 1, 2, 3, & 4 zum Nachlesen

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