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Frauentag – Blick in die Klassikwelt

Einen Frauentag gibt es seit über 110 Jahren. Nicht immer am 8. März, aber schon jeher in der Überzeugung, dass Frauen Männern in der Gesellschaft nicht gleichgesetzt sind und das dringend geändert werden muss. Man nannte ihn Weltfrauentag, Frauenkampftag oder eben Internationaler Frauentag. Seinen Ursprung hat dieser Tag als Initiative sozialistischer Organisationen noch vor dem Ersten Weltkrieg. Für Gleichberechtigung, für Wahlrecht, für eine Emanzipation der Arbeiterinnen.

Inzwischen ist wohl allen klar, dass diese Bestrebungen noch lange nicht ihr Ziel erreicht haben. Es gibt den Equal Pay Day, es gibt die Diskussion um die gesetzliche Frauenquote – und dann sind es doch noch errechnete 136 Jahre, bis Männer und Frauen bei gegenwärtigem Tempo im weltweiten Durchschnitt wirklich gleichberechtigt sind. Puh!

Ein riesiger Männermusikverein

In der Welt der klassischen Musik sieht es leider nicht besser aus. Jede Musikerin kann mindestens eine Geschichte erzählen, die mit einer Andersbehandlung aufgrund des Geschlechts zusammenhängt. Und die eine Karriere definitiv nicht leichter, sondern im Gegenteil komplizierter macht. Anna Lelkes startete vor fast auf den Tag genau 25 Jahren in ihren ersten Arbeitstag bei den Wiener Philharmonikern. Solistinnen müssen damit leben, dass sie weniger verdienen als ihre männliche Kolleginnen und immer erst einmal ihr Äußeres besprochen wird, bevor es um ihr Talent und ihr musikalisches Können geht.

Nonnen, Malerinnen und die „Seele des Klavierspiels“

In der Musikgeschichte gibt es nur wenige berühmte Frauen. Wieviel mehr hätte es wohl geben können? Fangen wir doch einmal ganz von vorne an:

Francesca Caccini zum Beispiel, geboren 1587 in Florenz, stammte aus einem hochmusikalischen Elternhaus und startete somit unter besten Voraussetzungen gestartet. Erst entwickelte sie sich zu einer Pionierin auf dem Feld der Opernkomposition. Sie ist vermutlich die erste Frau in der Musikgeschichte, die eine vollständige Oper („La liberazione di Ruggiero“) schrieb. Dann aber verspielte sie mit ihrer Heirat ins Adelsgeschlecht die Möglichkeit, weiterhin öffentlich als Musikerin auftreten zu können. Stattdessen gab sie dem Fürstennachwuchs Gesangsunterricht.

Das ist auch der Grund, warum einige Frauen zur damaligen Zeit ins Kloster gingen: Sie mussten nicht heiraten und konnten hinter den dicken Mauern in Ruhe komponieren und musizieren. Da war also nicht nur ernste Frömmigkeit im Spiel! Caterina Assandra veröffentlichte 1609 als erste Nonne (eines Benediktinerinnen-Klosters im lombardischen Pavia) überhaupt eine Motetten-Sammlung.

Etwas mehr als 100 Jahre später wurde nur wenig weiter südlich in Venedig eine Frau geboren, die später in Bayreuth Operngeschichte schrieb: Anna Bon. Ihre Werke waren so gut, dass Zeitzeugen sie lieber „unbekannt“ zuordneten. Man konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass eine Frau solche Musik schrieb. Als Interpretin durfte Anna Bon gern auftauchen, nicht aber als Komponistin.

Können Frauen überhaupt komponieren?

Ähnlich erlebte es auch Emilie Maria (von) Bach, die 1896 in Wien geboren wurde. Sie wurde als Malerin berühmter denn als Komponistin. Und das nicht etwa, weil sie schlechter komponierte. Malen – das war etwas, das Frauen zugetraut wurde. Sich Musik ausdenken eher nicht.

Aber wen wundert das? Die zwei wohl berühmtesten Komponistinnen Clara Schumann und Fanny Hensel blieben Zeit ihres Lebens hinter ihren Möglichkeiten zurück. Und das, obwohl sie aus musikalischen Elternhäusern stammten und ihnen (fast) alle Türen offen standen. Ihre musikalischen Werke wurden – und werden teilweise bis heute – durch die rosarote Brille betrachtet. Franz Liszt etwa bezeichnete Clara Wieck, wie sie vor der Heirat mit Robert Schumann hieß, als „Seele des Klavierspiels“. Gefühlig, feminin, emotional – allenfalls als Interpretin, nicht aber als Komponistin ernst zu nehmen.

Über die Uraufführung einer Sinfonie von Emilie Mayer, die ungefähr zur selben Zeit wie Clara Schumann und Fanny Hensel in Berlin tatsächlich hauptberuflich als Komponistin tätig war, schrieb ein Kritiker: „Erwägt man, dass die strengeren Formen der Instrumentalmusik und die der Fuge männlicher Kraft selbst zu schaffen machen, so wächst das Außerordentliche. Bisher hat Frauenhand höchstens ein Lied überwunden […] aber ein Quatuor (ein Quartett) und gar eine Symphonie mit all den Künsten im Satze und in der Instrumentation – dies möchte als ein besonderer, höchst seltener Fall gelten können.“

Männliche Kraft vs. weibliches Fühlen

Damals gab es keinen Frauentag. Noch hatten es die Frauen nicht geschafft, sich in dieser Form aktivistisch zu organisieren. 1951 war das schon anders – und trotzdem wurde beispielsweise die Bewerbung der jungen Komponistin Eva Schorr an der Musikhochschule in Stuttgart als Professorin für Tonsatz mit einer Floskel abgeschmettert: Diese Stelle könne nur ein Mann ausfüllen.

Über 70 Jahre später sind wir zwar ein Stückchen weiter gekommen – in den Orchestern sitzen fast mehr Frauen als Männer, auf den Solostellen sieht es auch ganz gut aus, zeitgenössische Komponistinnen gibt es auch viele sehr erfolgreiche. Nur am Dirigierpult, da geht doch noch was, oder?

Und deswegen freuen wir uns gleich doppelt auf Joana Mallwitz als neue Chefdirigentin des Konzerthausorchesters ab der Saison 2022/23.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Internationalen Frauentag 2022 allen Frauen und Menschen, die sich als weiblich identifizieren!

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Text: Renske Steen