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Langsamer als eine Schildkröte – Orgel-Fakt Nr. 10

Dass die Orgel das Instrument des Jahres 2021 ist, ist den Halberstädtern ziemlich egal. Bei ihnen ist jedes Jahr Orgel-Jahr! Und das seit 2001. Am 5. September 2001 begann nämlich die Aufführung eines außergewöhnlichen Orgelwerks, dem wir unseren Orgel-Fakt Nr. 10 widmen.


Hier kommt also Fakt Nummer 10 und damit die Hintergründe zu:

„Organ2/ASLSP“

Am 5.9.2001 begann im Halberstädter Burchardikloster die Aufführung eines Orgelwerks, die 639 Jahre währen und somit erst im Jahre 2640 zum Abschluss kommen wird: „Organ2/ASLSP“ mit der ins Deutsche übersetzten Tempoangabe so langsam wie möglich.
John Cage komponierte dieses Werk 1985 zunächst für Klavier, wobei er sich dabei des Zufallsprogramms auf einem Computer bediente. Für den inzwischen bereits verstorbenen Komponisten und Organisten Gerd Zacher erstellte er danach eine Orgelfassung, die 1987 in Metz mit einer Spieldauer von 29 Minuten uraufgeführt wurde.

Bei einem Orgelsymposium 1997 in Trossingen wurde die Frage gestellt, wie die von Cage hinzugefügte Tempoangabe zu begreifen sei. Und vor allem: Wie muss man ein solches Stück aufführen? Organisten, Musikwissenschaftler, Orgelbauer, Theologen und Philosophen sprachen über die spieltechnischen, ästhetischen und philosophischen Aspekte und Fragestellungen, die mit dem Titel aufgeworfen werden.

Frieden, Kreativität und Orgel

Die Frage der Realisierung des Werks führte schließlich zu dem Ergebnis, dass man so langsam wie möglich potenziell unendlich denken und spielen kann. Zum Beispiel so lange, wie die Lebensdauer einer Orgel ist, und so lange, wie es Frieden und Kreativität in künftigen Generationen gibt. Aus dieser spieltechnischen und ästhetischen Frage heraus entwickelte sich das Konzertprojekt in der Halberstädter Burchardikirche.

Am 5. September 2001, dem 89. Geburtstag von John Cage (der bereits 1992 in New York verstarb), begann die Aufführung mit einer 17-monatigen Pause.

Und die Jahreszahl hat noch eine andere Bedeutung. Im Jahre 1361 wurde im Halberstädter Dom eine für die damalige geradezu riesige Orgel installiert, über die noch fast 300 Jahre später Michael Praetorius in seinem Musikkompendium „Syntagma Musicum“ berichtete. Das Jahr 2001 bildet somit bei einer Dauer bis 2640 die Symmetrieachse zwischen Vergangenheit und gegenwärtiger Realisation.

2003 erklangen übrigens die ersten Töne des Werks, 2006 folgt dann der zweite Akkord. Auf der Website des Projekts kann man nachverfolgen, wann die nächsten Klangwechsel stattfinden.

Das war der bislang letzte Klangwechsel am 5. September 2020:

Text: Dietmar Hiller und Renske Steen