Allgemein

Orchesterporträts – die neuen Fotos sind online

Orchesterporträts sind immer eine aufwendige Aktion. Schon allein durch die Anzahl der abzulichtenden Musiker*innen. Dazu kommt, dass die Instrumente geschickt ins Bild gesetzt werden müssen. Bei uns war es jetzt wieder mal so weit. „Für ein gelungenes Porträt ist zu 80 Prozent entscheidend, dass man sich auf den Menschen vor der Kamera einstellt“, sagt Fotograf Tobias Kruse. Er ist langjähriges Mitglied der renommierten Berliner Agentur Ostkreuz und Dozent an der Ostkreuzschule für Fotografie. Für uns hat er sich über mehrere Wochen hinweg auf knapp 100 Mitglieder des Konzerthausorchesters eingestellt – und natürlich auf das Konzerthaus Berlin mit seinen Sälen, Gängen und Räumen. Am Ende dieses Großprojekts haben wir nach seinen Eindrücken gefragt.

Individuell zwischen Gold und Marmor

Tobias, wie hast Du das Konzerthaus bei Deiner Erstbegehung wahrgenommen?

Das Haus ist visuell sehr laut, überall Gold und Marmor! Das hat mich erst etwas erschlagen (lacht). Ich musste mir gut überlegen, wie ich vermeide, dass die Musiker*innen darin untergehen. Meine Lösung war, jeweils nur Hausdetails statt der ganzen Pracht in der Totalen zu zeigen. Jedes Orchestermitglied bekam durch einen Lichtspot einen individuell herausgehobenen Auftritt. Die Konzerthaus-Details in den Bildern haben hohen Wiedererkennungswert. Das funktioniert bei Menschen mit Bezug zum Haus sehr gut, glaube ich. Selbst wenn ihnen meine Bildsprache sonst eher fremd sein sollte. Ich habe das Konzerthaus nun wirklich sehr gut kennengelernt und es schon ein bisschen lieb gewonnen.

Das Konzerthausorchester auch?

Das waren viele unglaublich nette Begegnungen. Mir ist immer ganz wichtig, vor dem Fotografieren miteinander zu reden. Wenn man sich darüber näher kommt und sogar Gemeinsamkeiten entdeckt, entstehen in der Regel bessere Bilder. Für jedes Orchestermitglied habe ich mir insgesamt eine Stunde Zeit genommen. Bei Einzelporträtaufträgen sind Gespräche oft noch länger, aber das hätte hier den Rahmen gesprengt.

Auf der Suche nach der perfekten Bildbalance: Fotograf Tobias Kruse während des Porträtshootings mit unserer Cellistin Viola Bayer

Nahbar, zugewandt, abwechslungsreich

Wie porträtiert man 100 Menschen mit teilweise ähnlichen Instrumenten, ohne dass es für Betrachtende langweilig wird?

Wir sind durchs ganze Haus gezogen, um unterschiedliche Hintergründe und Situationen auszuprobieren – sitzend, stehend, näher dran, weiter weg…  Ich wollte unbedingt vermeiden, dass von allen ein ähnlich enger Bildausschnitt gezeigt wird, in den auch noch irgendwie das jeweilige Instrumente geklemmt ist. Ich wollte die Musiker*innen auf den Orchesterporträts als Menschen zeigen. Und die Instrumente ein bisschen beiläufiger miterzählen. Für mich muss Aufmerksamkeit über die Personen geweckt werden, nicht über Effekte oder artifizielle Posen mit dem Instrument. Wenn man die Musiker*innen spielend auf der Bühne erlebt, sind sie ganz bei sich und offen zugleich. Das soll auch aus den Porträts sprechen.

Dank Deiner sehr individuellen Handschrift sind keine typischen Künstler*innenfotos in Hochglanzoptik entstanden. Auf Deinen Orchesterporträts begegnet man nahbaren Menschen hier im Haus. Und kann sich gut vorstellen, sie auch anderswo in Berlin zu treffen.

Viele Porträts klassischer Musiker*innen strahlen für mich eine starke Weltabgewandtheit aus. Ich habe den Eindruck, dass die Schwelle, in ein klassisches Konzert zu gehen, in der Gesellschaft ohnehin schon sehr hoch ist. Insbesondere bei Jüngeren. Deshalb finde ich es gerade jetzt sehr wichtig, das Konzerthausorchester auch durch die Bildsprache nahbar zu machen.

Orchesterporträts ohne Lampenfieber

Viele Orchestermitglieder haben erzählt, dass sie während der Fotoshootings mit Dir sehr entspannt waren. Wie nimmst Du jemandem das Foto-Lampenfieber?

Zu meiner Aufgabe gehört, in dieser Situation Ruhe und Professionalität auszustrahlen. Meinem Gegenüber viel Raum zu geben, aber auch einen klaren Rahmen zu setzen, in dem sie oder er sich sicher fühlt. Das beginnt mit der Anatomie. In dem Moment, in dem Du jemandem eine Stütze gibst, entspannen sich die Muskeln. Und die Person fängt an, anders zu gucken. Greifende Hände sehen auf Bildern immer verkrampft aus. Was also macht man mit den Instrumenten? Das mussten wir bei jedem Bild wieder neu herausfinden. Das ist schon ein zeitaufwendiger Prozess. Im Schnitt habe ich 200 Bilder pro Person gemacht. Davon bleiben dann etwa 10 Prozent übrig.

Übrigens ist ganz selten, dass so viele Leute bei einem Fotoshooting eine derartige Ruhe ausstrahlen wie die Musiker*innen des Konzerthausorchesters. Sie halten ihre Position, wenn man sie darum bittet. Und sie können warten. Viele Leute können das nicht. Das war hier ganz anders. Alles lief professionell und angenehm – und dafür will ich auch nochmal danke sagen!

Ihr wollt mehr Porträts unserer Musiker*innen sehen als oben im Miniquerschnitt durch die Stimmgruppen? Hier gehts zur Übersichtsseite – einfach auf die einzelnen Orchestermitglieder klicken!

Interview: Annette Zerpner