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Hoffmanns Wahn und Wirklichkeit

Am 5. September wird das Konzerthausorchester Berlin zum Stummfilmorchester und der Große Saal zum Kino. Auf dem Programm: Die Uraufführung von Johannes Kalitzkes „Beethoven-Variationen für Orchester“, dirigiert vom Komponisten. Die Musik zum restaurierten Stummfilm „Hoffmanns Erzählungen“ von 1923 ist zugleich ein Auftragswerk „200 Jahre Konzerthaus“.

Szene aus „Hoffmanns Erzählungen“ (1923) von Max Neufeld. Credit: Filmarchiv Austria

Gespenster-Hoffmanns neuer Klang

Eine Wunderbrille, die Totes lebendig erscheinen lässt, ein Duell mit einem Gegner ohne Schatten, ein tödlicher medizinischer Rat und drei mysteriöse Frauen: Max Neufelds Stummfilm „Hoffmanns Erzählungen“ beruht auf unheimlichen Geschichten des Romantikers E.T.A. Hoffmann, der den Spitznamen „Gespenster-Hoffmann“ trug. Wir haben mit Johannes Kalitzke über seine Neukomposition zum Film gesprochen.

Wie sieht Ihr Arbeitsprozess aus, wenn Sie Musik für einen Stummfilm komponieren? Arbeiten Sie sozusagen immer „mit einem Auge“ auf den Film und seinen Ablauf?

Als erstes analysiere ich den Film, um seine Proportionen herauszuarbeiten, weil ich wissen muss, welche Handlung im Bild wie lange dauert. Dann kann ich dementsprechend die einzelnen Teile der Musik komponieren. Der Übersichtlichkeit wegen verwende ich hier eine Exceltabelle. Ganz wichtig ist mir der Zusammenhang, um kein Patchwork zu schaffen. Die Großform muss im Spannungsbogen funktionieren. Danach sichte ich: Was soll illustriert werden, welche Szenen verdienen eher einen musikalischen Subtext? Danach brauche ich erst einmal Abstand zum Film, um nicht zu sehr an ihm entlangzuarbeiten.

Eine musikalische Illustration kann man sich gut verstellen – das könnten beispielsweise Geräusche wie eine Türklingel sein, musikalische Imitationen von Schneegestöber oder die passende Musik zu einer Verfolgungsjagd über viele Treppen. Was ist mit musikalischem Subtext gemeint?

Das Interessante am Komponieren für Film besteht für mich darin, mit Hilfe der Musik Widersprüche zwischen Wahrnehmung und Realität zu beschreiben. Man darf nicht vergessen, dass einer der Kontexte des expressionistischen Films die Psychoanalyse ist. Bei „Hoffmanns Erzählungen“ steckt das Thema Täuschung bereits im Stoff: Hoffmanns gleichnamiges Alter Ego begehrt drei Frauen. Alle drei sind ganz und gar nicht das, wofür er sie hält. Wir befinden uns die ganze Zeit im „Kopfraum“ eines von seinen Begierden und Illusionen Getriebenen. Die Musik entlarvt häufig, was ihm nicht möglich ist zu erkennen.

Von Täuschungen umgeben – Hoffmanns Alter Ego im Stummfilm. Credit: Filmarchiv Austria

Im Kopfraum mit Beethoven

Ihr Stück zum Film trägt den Titel „Beethoven-Variationen für Orchester“. Welche Rolle spielte Beethoven für E.T.A. Hoffmann?

Sie haben sich gekannt und geschätzt. Hoffmann hat viel über Beethoven geschrieben. Er ist in besagtem „Kopfraum“ der Figur Hoffmann präsent. Beethoven lässt sich jedoch kaum im Sinne von Zitaten heraushören. Aber die Anfangsakkorde aller neun Sinfonien stecken in den ersten zwei Takten. Was an anderen Stellen wie Beethoven klingt, ist in seinem Stil nachkomponiert. In Hoffmanns „Kopfraum“ bewegen sich auch Erinnerungen an eigene Werke wie „Undine“ und eine seltsame androgyne Stimme.  Sie wurde mit Originalmaterialien des letzten lebenden Sänger-Kastraten hergestellt und begleitet immer wieder als unheimlicher Gast das groteske Auftreten diabolischer Erscheinungen.

Gibt es besondere Hürden für ein Orchester bei der Einstudierung von Musik zu einem Stummfilm, oder ist das wie bei jeder Uraufführung?

Engmaschige Konzentration und Detailgenauigkeit wie bei einer „Radioproduktion“ im alten Stil sind dafür auf jeden Fall notwendig. Als Dirigent habe ich die Augen auf dem Zählwerk, denn ich brauche einen Timecode, um die Treffpunkte zwischen Film und Musik zu erwischen. So kann ich das Orchester weniger als sonst mit Blicken lenken, was befreiender und schöner wäre. Wichtig ist, dass man dem Orchester vorher ansagt, dass es stärker auf sich gestellt ist. Das hat sehr gut geklappt.

Kürbisschalen, Schleifpapier, Waldteufel, Strohgeige…

Auf der Bühne fallen zahlreiche ungewöhnliche Schlaginstrumente ins Auge, darunter getrocknete Kürbisschalenhälften in Wasserschüsseln, ein Waldteufel oder Brummtopf, Schleifpapier und eine „Spring Drum“ mit Spirale für Donnereffekte. Außerdem spielt die 1. Konzertmeisterin stellenweise eine sogenannte Strohgeige. Ist das bei Ihren Kompositionen ein regelmäßig wiederkehrendes Arsenal oder eine ungewöhnliche Auswahl speziell für „Hoffmanns Erzählungen“ ?

Das sind Geräuschinstrumente, die nach einer bestimmten Klangvorstellung oft naturalistisch eingesetzt werden. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn sich im Film ein Bösewicht hinterhältig die Hände reibt, wird das mit einem Rhythmus auf Sandpapier imitiert. Außerdem dienen  solche Instrumente oft als Überbrückungen zu den elektronisch erzeugten Klängen.

Mit dem Sujet E.T.A. Hoffmann befinden wir uns am Gendarmenmarkt auf historischem Boden er hat hier gelebt.

Genau. Deshalb bin ich besonders froh, das Werk hier im Jubiläumsjahr 2021 uraufzuführen. Mit dem Konzerthaus Berlin verbindet mich außerdem eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Und das Schöne ist – gleich nebenan kann ich hinterher in genau die „Kneipe“ gehen, in der Hoffmann selbst regelmäßiger Gast war!

Reine Männerrunde – Max Neufeld als Hoffmann in der Kneipe. Credit: Filmarchiv Austria

Text: Annette Zerpner