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Sport im Dom – Orgel-Fakt Nr. 5

Credit: Felix Löchner

Heute geht’s um Kraftsport. Und natürlich um die Orgel, die schließlich Instrument des Jahres 2021 ist. Was das miteinander zu tun hat, erzählen wir Euch in unserer Reihe Orgel-Fakten, mit der wir das Instrumentenjahr begleiten.


Hier kommt Orgel-Fakt Nr. 5 oder die Antwort auf die Frage:

Wie kam früher eigentlich Luft in die Blasebälge einer großen Orgel?

Orgelpfeifen brauchen Wind. Die Winderzeugung mittels eines elektrischen Ventilators aber ist bei Orgeln erst seit ungefähr 100 Jahren üblich. Davor musste der Wind durch menschliche Muskelkraft bereitgestellt werden. Bei manchen Mini-Instrumenten muss der Spieler durch Pumpen oder Treten selber dafür sorgen, dass genug „Luft in die Lungen“ kommt.

Aber schon für die meisten Orgelpositive war die Hilfe eines Assistenten für die Bedienung des Balgs (offiziell „Kalkant“ genannt) notwendig. Je größer die Orgel, je mehr Register gezogen sind und je vollgriffiger der Organist in die Tasten haut, desto größer muss die Balg-Anlage sein, und desto mehr willige Helfer benötigt der Organist für sein Spiel.

In Dorfkirchen hatten früher meistens Schüler die ehrenvolle Aufgabe, Kalkant zu sein. Oft war ihr Lehrer gleichzeitig der Organist, und die Jungen hatten als Chorknaben ohnehin anwesend zu sein. Die großen Bälge bzw. die langen und schweren Balgstangen einer Domorgel dagegen konnten nur mehrere erwachsene Männer gleichzeitig mit ihrem Körpergewicht bedienen. Besonders die „luftfressenden“ tiefen Pedalregister brauchten enorm viel Kraft.

Die Rechenformel lautete: Ein Kalkant kann höchstens zwei Bälge gleichzeitig bedienen. Hatte eine Orgel also beispielsweise sechs Bälge, mussten drei Kalkanten zur Arbeit antreten.

Es ist natürlich klar, dass aufgrund des Kosten- und Organisationsaufwands zur Erzeugung des notwendigen Orgelwinds ein Üben auf der Orgel absoluter Luxus war. Organisten (in diesen Zeiten gab es noch keine Organistinnen) hatten sich gefälligst am häuslichen Tasteninstrument auf ihren Einsatz im Gottesdienst vorzubereiten. Wo und mit wessen sportlicher Unterstützung sich etwa Johann Sebastian Bach vor über 300 Jahren seine stupenden spieltechnischen Fähigkeiten im Orgelspiel erarbeitet hatte, wird wohl für immer ein ungelöstes Rätsel der Musikgeschichte bleiben.

Ein Kalkant bei der Arbeit an alten unterschiedlichen Balganlagen:

Text: Dietmar Hiller und Renske Steen