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Kleine Helfer fürs Cello – Instrumentenkasten #2

Was ist in Eurem Instrumentenkasten, fragen wir Musiker*innen des Konzerthausorchesters. Und haben vermutet, dass sich in einem Cellogehäuse gern ein halber Hausstand verbirgt. Unser Cellist Andreas Timm ist eher puristisch unterwegs. Keine Fotoausstellung im Deckel, kein Glücksbringer zwischen den Saiten – dafür eine ganz spezielle Sammelleidenschaft auf der Suche nach dem idealen Klang.

Stillleben mit Kolophonium – was Uneingeweihte für Malerbedarf, Honig oder Seifenstücke halten, sind unterschiedliche Sorten „Bogenharz“. Im Vordergrund: Vier Cello-Stachel

Manche Leute sammeln Comics oder Schneekugeln, Andreas hat eine Kolophonium-Kollektion in seinem weißen Cellokasten. „Ich würde es durchaus einen Spleen nennen“, lacht er. Aber es geht ihm nicht ums Sammeln per se. „Das Harz gibt Bogenhaaren überhaupt erst die Fähigkeit, die Saiten in Schwingungen zu bringen und dadurch einen Ton zu erzeugen.“ Jedes seiner Stücke ist unterschiedlich zusammengesetzt und hat deshalb eine andere Wirkung. „Über die Jahre habe ich immer wieder neue Hersteller dieses kleinen ‚Wundermittels‘ ausprobiert.“ Aus Resten verschiedener Marken hat der Cellist in den leeren Aluminiumhüllen von Teelichtern sogar sein eigenes Kolophonium zusammengeschmolzen, um damit gewünschte Klangeigenschaften hervorzulocken.

Immer in Andreas’ Instrumentenkasten: Viele Saiten mit unterschiedlichen Eigenschaften. Ein zusätzlicher Grund, Cello zu spielen – die schönen Verpackungen ; )

Sogenannte Stachel besitzt Andreas mehrere: „Mit dem Stachel stützt man das Instrument sicher ab. Er ist außerdem wichtig, um Spielbarkeit und Klang zu beeinflussen. Es gibt Modelle aus unterschiedlichen, teilweise exotischen Materialien. Das reicht von einfachem Stahl über Titan-Legierungen und Kombinationen verschiedener, manchmal recht teurer Metalle wie Wolfram bis zu Carbon-Stacheln.“ Diese Vielfalt hat ihren Sinn: „Sie geben dem Instrument dann zum Beispiel eine hellere und strahlendere Charakteristik oder verändern es in eine voluminösere Richtung.“

Unendliche Kombinationen und ein imaginäres Ziel

Unterwegs auf der Suche nach dem optimalen Celloklang

Ein Patentrezept für eine ideale Kombination Instrument, Saiten, Stachel und Kolophonium existiert nicht, bilanziert Andreas: „In meinem Berufsleben habe ich Möglichkeiten der Einflussnahme durch zahlreiche Hilfsmittel kennen und schätzen gelernt. Man wird immer versuchen, den Grundcharakter des Instruments zu bewahren, ihm aber mit ihrer Hilfe eine noch schönere und reichere Facette zu entlocken. Nicht zuletzt ist das eigene Spielempfinden ganz wichtig, der subjektive Eindruck. Für mich bleibt die Suche nach dem idealen Klang ein spannender Prozess. Ich genieße die seltenen Momente, in denen ich mich diesem imaginären Ziel bereits ganz nahe wähne.“

Andreas Timm ist seit 2002 Stellvertretender Solo-Cellist im Konzerthausorchester Berlin und spielt im Horenstein Ensemble. Wie hier in Tallinn während der Baltikum-Tournee hat er gern seine Kamera dabei.

Fotos: Andreas Timm, Gunnar Laak (Porträt)

Text: Annette Zerpner