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Die Königinnen-Wahl

Achtung, liebe Eltern! 2021 wird ein spannendes Jahr an den Musikschulen, denn die Landesmusikräte der Bundesländer haben ein ganz besonderes „Instrument des Jahres“ gekürt. Seit zwölf Jahren gibt es die Initiative, die genau jene Instrumente in den Mittelpunkt stellt, die sonst beim Instrumentenkarussel als letztes ausgewählt werden. Das Fagott war schon dabei, Bratsche, Harfe oder Oboe und zuletzt der Publikumsliebling: die Geige

Im Laufe des jeweiligen Jahres gibt es gewöhnlich viele Kurse und Konzerte mit dem jeweiligen Instrument, auf die dann (so hofften bislang die Landesmusikräte) zahlreiche Unterrichtsanmeldungen an den Musikschulen folgen.

Aber wie soll das 2021 werden? Das Instrument des Jahres ist nämlich…die Orgel!

Und damit keiner auf die Idee kommt und die verstaubte Heimorgel vom Dachboden runterholt – es ist wirklich die Pfeifenorgel gemeint. Also jenes beeindruckende Instrument, das meist in Kirchen und einigen Konzerthäusern zu finden ist, mit mehreren Manualen, Fußpedalen, Blasebalg und einer Menge Pfeifen aus Metall und Holz. 

„Jede Orgel ist ein Unikat, weil sie einzig für den architektonischen Raum erbaut wird, in dem sie erklingen soll. Das für den Orgelbau und die Orgelmusik notwendige hochspezialisierte Wissen und die besonderen Fertigkeiten wurden von Handwerkern, Komponisten und Musikern über Jahrtausende entwickelt.“

Prof. Dr. Christoph Wulf, Deutsche UNESCO-Kommision, in der Pressemitteilung

Wie sich die Landesmusikräte das nun genau gedacht haben, ist nicht bekannt. Bislang gibt es das Unterrichtsangebot nur selten an den Musikschulen, da meist weder am Unterrichtsort noch beim Schüler oder der Schülerin zu Hause ein passendes Instrument zur Verfügung steht. Sich mal eben eine Orgel anschaffen, weil das Töchterchen gern spielen würde? Wohl eher nicht. 

Königin der Instrumente

Aber: Die Orgel verdient auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit. Nicht umsonst wird sie schon seit Mozarts Zeiten die „Königin der Instrumente“ genannt. Die Orgel vereint unzählige Klangfarben, kann untermalen wie keine Zweite, Stimmungen herstellen und verändern. Und das Beste überhaupt: Es gibt ein wunderbares Exemplar im Großen Saal des Konzerthaus. 

Unsere Jehmlich-Orgel thront wie eine wahrhaftige Königin am Kopfende und gibt dem beeindruckenden Saal den letzten visuellen und natürlich klanglichen Schliff. Ohne sie wäre das Konzerthaus nicht das Konzerthaus – und deswegen können wir die Wahl zum Instrument des Jahres 2021 nur begrüßen!

Um die Jehmlich-Orgel das ganze Jahr hindurch auch hier auf dem Blog gebührend zu feiern, widmen wir ihr jeden Monat einen Beitrag, in dem wir mehr über die Königin und ihre ganze Instrumentenfamilie verraten. 


Los geht’s mit Orgel-Fakt Nr. 1 und der Frage: 

War die Orgel schon immer ein Kircheninstrument?

Auf keinen Fall! In der Antike war die Orgel ein Instrument zur häuslichen Unterhaltung, sie diente aber auch zur akustischen Untermalung von Kampfspielen in der Arena. Die Musikanlage im Colosseum sozusagen!

Im Mittelalter dann kannte man gerade im Bereich des weltlichen Musizierens kleine Orgeln. Sie wurden gern bei Hofe benutzt, und auch prominente Minnesänger hatten immer eine dabei.

Bis heute gibt es diese kleineren Orgeln, die man Positiv, Portativ oder Regal nennt, zum häuslichen Gebrauch. Berühmte Vertreter des Instrumentenfamilie sind auch die Toggenburger Hausorgel und die Kabinettorgeln aus den Niederlanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zur Untermalung von Stummfilmen außerdem die Kinoorgel erfunden: etwas kleiner, aber dafür ausgestattet mit einer Menge kurioser Geräuscheffekte.

Richtig große Orgeln waren allerdings schon seit frühester Zeit auf eine feste Installation in Kirchenräumen angewiesen. Andere vergleichbare Räume – und damit ist natürlich groß und hoch gemeint – gab es damals einfach nicht. So konnte sich über Jahrhunderte die Verbindung von Orgelton und Kirchenraum aufbauen, die auch heute noch das allgemeine Bewusstsein bestimmt und durch einen großen Teil des Orgelrepertoires abgedeckt wird. Ganz zu schweigen von den liturgischen Improvisationen, wie sie täglich im Gottesdienst erklingen. 

Aber: Andere Länder, andere Sitten. In Russland und Gebieten der ehemaligen Sowjetunion gehören Orgeln und Gottesdienste nicht zwingend zusammen. Die orthodoxe Liturgie verzichtet nämlich komplett auf Instrumente. Und daher setzten russische Komponisten – wenn überhaupt – die Orgel fast ausschließlich für ihre weltlichen Werke ein.

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Text: Dietmar Hiller und Renske Steen