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Der dreifache Widmann

Jörg Widmann gibt am 1. Oktober sein Debüt mit dem Konzerthausorchester Berlin – als Dirigent und Klarinettensolist. Außerdem hat der Komponist mit „Con Brio“ ein eigenes Werk mitgebracht. Lebhaft war auch das Gespräch mit dem gebürtigen Münchner über das Programm der drei Konzerte – und über den Teufel.

Was verbinden Sie mit dem Konzerthaus Berlin?

Carl Maria von Weber – ihn liebe ich, als Klarinettist und als Komponist. Es hat mich umgehauen, als ich erfuhr, dass der „Freischütz“ am Gendarmenmarkt uraufgeführt wurde. Ich habe schon oft hier im Haus gespielt, aber es ist meine erste Zusammenarbeit mit dem Konzerthausorchester.

Jörg Widmann, Klarinette

Weber hatte ja eine regelrechte Liebesgeschichte mit der Klarinette.

Zum Glück – er hat unser Instrument verstanden wie sonst nur Mozart. Schon familiär bedingt musste er sich besonders anstrengen: Mozarts Frau Constanze war eine geborene Weber. Wenn Weber also einen langsamen Satz für Klarinette und Orchester schrieb, war klar, welches Referenzstück im Raum stand.

Mozarts einzigartiges Klarinettenkonzert KV 622.

Der langsame Satz im ersten Weber-Konzert ist ohne dessen Adagio nicht denkbar. Man merkt es an der Melodik, an der Begleitfigur – aber natürlich erinnert es auch an die Freischütz-Ouvertüre, mit diesen Hörnern am Anfang und den wogenden Streichern. Das f-Moll-Klarinettenkonzert ist einfach ein phänomenales Stück. Ich bedaure sehr, dass wir Weber heute nicht in seiner vollen Größe zu schätzen wissen. Lange wurde er für „etwas zu leicht befunden“. Ich würde ihm die Gefühlstiefe aber niemals absprechen wollen. Niemals. Selbst in den virtuosesten Passagen nicht. Ich probiere, sie so zu spielen, wie ich sie sehe – nämlich beseelt. Es ist nie mechanische Virtuosität, jeder Sechzehntellauf ist beseelt und theatral gedacht. 

Als Dirigent haben Sie das ganze Orchester zur Verfügung. Worin liegt der besondere Reiz, als Solist mit dem Instrument davor zu stehen? 

Weber kann instrumentieren wie sonst nur ganz wenige Komponisten. Die Solo-Klarinette wird Teil seiner genialischen Orchester-Instrumentation. Sie müssen sich vorstellen: Der dritte Hornist sitzt im ersten und dritten Satz da und tut nichts, spielt keine Note. Er hat nur im zweiten Satz eine einzige Stelle, wo alle drei Hörner mit der Klarinette spielen. Dort lässt er aber alle anderen schweigen. Das ist von einer Genialität, Ökonomie und Fokussierung… Sie hören die Klarinette in diesem drei Hörner-Satz komplett anders beleuchtet, als Sie sie im gesamten ersten Satz gehört haben. Genau deshalb freue ich mich auf dieses „Concertare“ im Wortsinne. 

Jörg Widmann, Con Brio, Partitur, Notenstapel
Direkt aus dem Koffer: Partiturenstapel in Jörg Widmanns Berliner Wohnung

Sie sind als Klarinettist und Dirigent, aber auch als Komponist mit „Con brio“ von 2008 bei uns. Ändert sich das Verhältnis zum eigenen Stück über die Jahre?

Immer! Aber das ist nicht anders als bei Stücken anderer Komponisten auch. Man holt nochmal andere Schichten heraus. Bei „Con Brio“ wird natürlich immer über den Beethoven-Bezug gesprochen, aber mir ist viel wichtiger, wie sich das Stück von Beethoven durch zum Teil auch relativ drastische klangliche Mittel entfernt. In der ersten Probe muss man Klänge definieren, und die Rhythmen sind sofort kaum zu machen. Es gibt viele Tempowechsel und Taktwechsel auf engstem Raum. Durch Beethoven kommt sozusagen das Irreguläre in die Musik – oder er verstärkt es unzulässig. Was bisher unbetont war, ist jetzt betont. Beethovens Achte, auf die ich mich beziehe, ist vielleicht doch die erste postmoderne Sinfonie, sprich: Musik über Musik. Nicht nur im Metronomensatz – schon im Menuettsatz kann man sehen, dass das kein Menuett mehr ist. Das ist ein Kommentar zu einem Menuett, aus einer Distanz heraus. 

Wie passt Mendelssohns Reformations-Sinfonie ans Ende des Programms?

Weber war formal Klassizist, aber was die Syntax, die Grammatik der Musik anlangt, da war er Erneuerer und für mich der modernste Romantiker. In den dunklen Orchesterfarben etwa, wie er die Klarinetten behandelt im „Freischütz“ – das kam historisch glückhaft zusammen.Was wir heute oft als Wagner-Orchesterklang rühmen, hat seinen Ursprung in Weber – und bei Mendelssohn. Das ist das Erschütternde. Damit sind wir bei der Reformation-Sinfonie. Sie ist mir wirklich ein Herzensstück. Man denkt: „Ah ja, kenn‘ ich: Ein feste Burg ist unser Gott.“ Ich finde, es ist eine unbekannte Sinfonie. Ihr langsamer Satz ist eigentlich ein jüdisches Glaubensbekenntnis. Mendelssohn geht sehr, sehr diskret mit seinem Jüdischsein um. In diesem Stück sagt er aber explizit „Ich“. Dies hier (singt „Hevenu Shalom Alechem“) steckt darin. Das ist, wenn man so will, der jüdische Themenkopf schlechthin. Er schreibt im Zusammenhang mit dieser Sinfonie auch, er habe in München eine Prozession gesehen. Fasziniert hat ihn, wie sich darin das hochheilig Römisch-Katholische mit bayerischer Volksmusik mischt. Deshalb auch dieser, in dem Kontext ja kaum verständliche zweite Satz (singt) – ein bayerischer Jodler! Das ist nach dem ersten Satz wie eine Ohrfeige. Und wie drastisch wird in dem Schlusssatz, der eigentlich ein Vokalsatz ist, der Teufel beschrieben. 

Das Thema unserer Jubiläumssaison lautet ja „Der Pakt mit dem Teufel“ – offenbar steckt er überall mit drin!

Der Choral selber endet mit dem Wort „Teufel“. Der Teufel hat seine Rüstung über die Jahrhunderte perfektioniert, und jetzt ist er so gut ausgestattet! Und deshalb der Aufruf, sich zu wappnen (singt: „Teufel – weg!“). Das ist theologisch nicht unwichtig, weil doch der Teufel und die Ausgestaltung der Hölle im Katholizismus die größere Rolle zu spielen scheinen als bei den Reformierten. In der Reformations-Sinfonie kann man sehen, dass das nicht stimmt. Für Luther es ganz wichtig, diesen Gegenpol Gottes in drastischsten Farben zu zeichnen. 

Interview: Annette Zerpner

Fotos: Marco Borggreve

Die Konzerte am 1. und 3. Oktober sind bereits ausverkauft, Restkarten für den 2. Oktober gibt es hier.