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Mouvement und Erstarrung

ensemble unitedberlin führt diese Saison in drei Konzerten zurück in die bewegten Jahre zwischen Neueröffnung unseres Hauses und Mauerfall

Unser von Schinkel gebautes Haus feiert in dieser Saison ein wichtiges Jubiläum – 200 Jahre schon steht es am Berliner Gendarmenmarkt. Über die Epochen hinweg entwickelte es sich zu einem Zentrum von Theaterkunst, aber auch Musik. Untrennbar verbunden war und ist es mit der deutschen Geschichte: Auf dem Gendarmenmarkt wurden die Märzgefallenen von 1848 aufgebahrt, die Preußische Nationalversammlung trat im Konzertsaal des Schauspielhauses zusammen. Während der Novemberrevolution 1918 besetzte der Arbeiter- und Soldaten-Rat das Gebäude. im Frühjahr 1945 wurde es weitgehend durch Bomben und Feuer zerstört.

Wechselnde Vorzeichen

Nach seiner Wiedereröffnung als Konzerthaus im Oktober 1984 galt das Haus als kulturelles Vorzeigeobjekt der DDR. Den Fall der Berliner Mauer feierte Leonard Bernstein 1989 im Großen Saal mit der „Ode an die Freiheit“, der Festakt zur deutschen Wiedervereinigung 1990 fand dort ebenso statt wie später die Verabschiedung der Alliierten. Kurz, es gibt zahlreiche Gründe, nicht nur an besondere künstlerische Höhepunkte, sondern ebenso an historische Ereignisse unter wechselnden politischen Vorzeichen zu erinnern. Dazu zählen neben der deutschen Teilung, die sich auch in der Produktion und Rezeption Neuer Musik niederschlug, natürlich Wende und Wiedervereinigung. Eine spannende Zeit – hoffnungsfroh, zugleich aber auch mit an den Realitäten scheiternden Ideen.

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ensemble unitedberlin © Mathias Bothor

Wendezeitkind

Das ensemble unitedberlin, im Wendejahr 1989 gegründet und mit Repertoireschwerpunkt auf deutsch-deutscher Neuer Musik, ist unserem Haus seit vielen Spielzeiten besonders verbunden – in den letzten Jahren als Ensemble in Residence. In unserer Jubiläumssaison wirft es unter dem Motto „Mouvement und Erstarrung“ in drei Konzerten im September und Oktober 2020 sowie im Mai 2021 Schlaglichter auf die Situation zeitgenössischer Musik im damaligen Schauspielhaus zwischen 1984 und 1990. Drei Uraufführungen versetzen zurück in das Lebensgefühl dieser Zeit.

Unverzüglich glücklich

Am 17. September erklingt als erste Uraufführung die neue Fassung eines Werks von Stefan Beyer mit dem ungewöhnlichen Titel „зaukalt und windig“. Der sei Teil eines verwitterten Graffito aus den Tagen des Mauerfalls, das auf der Rückseite eines alten DDR-Wachturms in der Kieler Straße prange, so der Komponist. Komplett lautet es: „Ab heute: alle glücklich! / Aber nur зaukalt und windig“. Tatsächlich herrschten am 9. November 1989 in Berlin Temperaturen um den Gefrierpunkt. Der eingestreute kyrillische Buchstabe legt einen russischen Urheber nah. Und „Ab heute“ erinnert ironischerweise an Günter Schabowskis „Sofort, unverzüglich“.

Käfer in Rückenlage

Außerdem auf dem Programm steht Jakob Ullmanns „komposition à 9 – palimpsest“ von 1989/90, das von Herrschern verbotene Trauer thematisiert und Texte aus Sophokles‘ „Antigone“ sowie Gedichten der sowjetischen Lyrikerin Anna Achmatowa verwendet. Mit Helmut Lachenmanns im November 1984 uraufgeführtem, für die Reihe namensgebendem „Klassiker“ „Mouvement (– vor der Erstarrung)“ endet das Konzert. Auch dieses Stück greift weit über „Nur-Musikalisches“ hinaus: „Die Phantasie, die vor empfundener Bedrohung alle expressiven Utopien aufgibt und wie ein Käfer, auf dem Rücken zappelnd“, so Lachenmann dazu, „erworbene Mechanismen im Leerlauf weiter betätigt, deren Anatomie und zugleich deren Vergeblichkeit erkennend und in solchem Erkennen Neuanfänge suchend.“

Obligates e

Im zweiten von drei Konzerten am 26. Oktober erklingen Werke von Georg Katzer und Lutz Glandien sowie eine Uraufführung von Sebastian Stier. Katzer schrieb über „Godot kommt doch, geht aber wieder“: „Im denkwürdigen Jahr ’89 habe ich ein Orchesterstück komponiert, dem ich den Titel gab: ‚Offene Landschaft mit obligatem Ton e‘. Das ‚e‘ stand für ‚Erwartung‘; wer immer will, kann eine Beziehung herstellen zum Titel der neuen Komposition.“ – Die Atmosphäre, die diese Erwartung begleitet hat, beschreibt Lutz Glandiens „und war es noch still“: die Zeit in der DDR zwischen der „Wahl“ im Mai und den Demonstrationen im Oktober 1989.

Text: Andreas Hitscher