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Das Böse als Privileg – Anna Prohaska im Interview

Anna Prohaska ist Artist in Residence im Konzerthaus Berlin

Auf diesen Neuzugang in der wachsenden Familie unserer Artists in Residence freuen wir uns ganz besonders: Sopranistin Anna Prohaska gestaltet die Jubiläumssaison 2020/21 als Solistin mit dem Konzerthausorchester Berlin, in Kammerkonzerten und Rezitals mit. In der „Freischütz“-Inszenierung von La Fura dels Baus ist die Sängerin als Ännchen zu hören – für sie alles andere als ein harmloses junges Mädchen.

Anna Prohaska, Sie kennen das Konzerthaus durch verschiedene Auftritte im Laufe Ihrer Karriere bereits sehr gut. Welche Geschichten sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Zu einer ganz besonderen Situation, die ich so noch nie erlebt habe, kam es 2018 beim Stabat Mater von Pergolesi: Mein Kollege, der Countertenor Philippe Jaroussky, war plötzlich erkrankt und Nathalie Stutzman, die als Dirigentin vorgesehen war, ist zusätzlich als Altistin für ihn eingesprungen. Bei ihren Gesangsparts hat sie sich dann einfach vom Orchester weg zum Konzerthaus-Publikum umgedreht. Das hat diese Doppelrolle total gut angenommen.

In Ihrer Saison als Artist in Residence steht das Stabat Mater erneut auf dem Programm.

Und ich freue mich sehr, das Werk jetzt tatsächlich auch einmal mit Philippe singen zu können. Eine andere tolle Erinnerung ans Konzerthaus ist der Sprech- und Gesangsabend mit Lars Eidinger und dem Pianisten Eric Schneider. Lars hat Hamlet-Texte vorgetragen, ich Ophelia-Lieder gesungen. Da waren dann auf einmal auch die ganzen Theaterleute in der Kantine. Es war toll, dass sich dort alle getroffen haben – es ist ja das ehemalige Schauspielhaus!

Dank des Freischütz widmen wir uns in der Jubiläumssaison dem Thema „Der Pakt mit dem Teufel“. Was bedeutet das für Sie?

Faust, Gretchen und Mephisto beschäftigen mich schon lange – das ist ein Thema der gesamten Menschheit. Im Konzert zu Saisonauftakt singe ich neben Arien aus Berlioz’ und Schumanns Faust-Opern die Faust-Kantate von Schnittke. Sie ist eigentlich für Alt – aber die Töne hab’ ich (lacht). Ich bin darin so eine Art weiblicher Mephisto. In Schnittkes Oper, die zu einem gewissen Grad aus der Kantate entstand, ist Mephistopheles in eine weibliche und eine männliche Verkörperung unterteilt, Alt und Countertenor. Die Geschlechterrollen lösen sich auch auf. Zunächst waren ja Eva und die weiblich konnotierte Schlange teuflisch, der Teufel als Bock kam später. Ich arbeite gerade an einem neuen Programm zu Adam und Eva, es heißt „Paradise Lost“.

Der uralte Mythos zum Thema Verführbarkeit.

Weil Eva Adam den Apfel vom Baum der Erkenntnis gibt, heißt es, sie habe das Übel des Bösen vom Teufel in die Welt gebracht. Aber vielleicht war sie ein weiblicher Prometheus: Er stahl den Göttern das Feuer, sie gab den Menschen die Möglichkeit der Erkenntnis und damit die Menschlichkeit. Vielleicht war das gar nicht so teuflisch, wie es Jahrtausende lang dargestellt wurde.

Eva als weiblicher Faust, die den bitteren Preis für Erkenntnis zahlt, auch die sumerische Göttin Inanna in Jörg Widmanns Babylon – haben Sie eine Passion für düstere Rollen?

Als Sopran hat man nicht oft das Privileg, eine „böse“ Rolle zu spielen. Das sind meistens die Bässe und Baritone. Die starken, aber auch gebrochenen und konfliktbeladenen Frauen sind fast immer Mezzo: Carmen, Ortrud, Kundry. Bei Andrea Marcon, der das Stabat Mater dirigieren wird, habe ich in Händels Alcina die Zauberin Morgana gesungen. Sie verzaubert Männer in Tiere, benutzt sie und wirft sie weg. Es macht Spaß, nicht immer nur das brave Hascherl zu sein.

Ännchen, die Freundin der Hauptfigur Agathe aus dem Freischütz, steht auch eher unter „Hascherl“-Verdacht.

Man kann Ännchen aber ganz anders anlegen: In der Thalheimer-Inszenierung, in der ich sie gesungen habe, zieht sie der Teufel Samiel in den Bann, schließt sie den Teufelspakt und sie besucht Agathe nachts als blutverschmierter Alptraum, um sie wachzurütteln. Ich bin sehr gespannt, was sich Fura dels Baus für das Ännchen ausdenken werden.

Kurzbiographie

Anna Prohaska stammt aus einer Wiener Musikerfamilie und studierte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Ihr Debüt gab die Sopranistin 2002 an der Komischen Oper in Brittens The Turn of the Screw. Seit der Saison 2006/07 ist sie Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper. Engagements führten sie unter anderem an die Bayerische Staatsoper, die Mailänder Scala, die Pariser Oper, das Theater an der Wien und das Londoner Royal Opera House. Regelmäßiger Gast ist sie bei den Salzburger Festspielen. Auf der Konzertbühne ist die Sopranistin weltweit mit vielen der wichtigsten Sinfonieorchester aufgetreten. Ihr breites Repertoire reicht vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Zu ihren Partien gehören Poppea, Angelica (Orlando), Pamina, Susanna, Ilia, Marzelline, Nannetta, Mélisande, Sophie, Anne Trulove und Cordelia (Lear). Seit 2010 stellt die vielfach ausgezeichnete Sängerin eigens Programmkonzepte zusammen, die sie zunächst exklusiv bei der Deutschen Grammophon, dann auch bei alpha eingespielt hat. Zuletzt hat sie das Barockalbum „Serpent & Fire“ sowie „Behind the Lines“ mit Liedern zum Thema Krieg herausgebracht. Im April 2020 erschien ihr neues Lied-Album „Paradise Lost“ zum Thema Vertreibung aus dem Paradies.

Alle Konzerte mit Anna Prohaska in der Saison 2020/21 auf einen Blick

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