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(K)ein Wunder: Der Freischütz im Schauspielhaus

Kurz nach der Eröffnung 1821 erlebte das Schauspielhaus die Uraufführung des „Freischütz“ – die romantische deutsche Oper schlechthin. Aber wie war das noch mal genau mit den Freikugeln? Und wie kam das Ganze eigentlich bei den Berlinern an?

Die Mängel von Neubauten zeigen sich oft erst im Härtetest der Praxis. Dass es bei Schinkels Musentempel auf dem Gendarmenmarkt auch so war, behauptete jedenfalls Carl Maria von Webers Sohn Max – freilich erblickte er erst im Jahr nach dem Ereignis, um das es geht, das Licht der Welt. An jenem 18. Juni 1821, als hier „Der Freischütz“ zum ersten Mal über die Bühne ging, hätte „vier Stunden vor Eröffnung des Schauspielhauses eine kompakte Masse dessen unglaublich unpraktisch angelegte Eingänge“ belagert. Doch alles verlief glimpflich; „nur Kleider wurden verletzt“, nur „kleine Quetschungen“ waren zu beklagen, das „patriotische Feuer“ entzündete Gott sei Dank nur die Gemüter. Am Ende war der Jubel groß, und „das Auditorium brauste auseinander, laut das neue Wunder verkündigend.“


Wer mit wem und warum?

Weber hatte den romantischen Nerv der Hörerschaft getroffen. Die Oper erzählt vom herzensguten, aber nicht gerade draufgängerischen Jägersburschen Max, der die Förstertochter Agathe heiraten möchte. Allerdings will sein garstiger, einst von der Schönen abgewiesener und mit Samiel, dem Teufel, verbündeter Kollege Kaspar dies partout verhindern. Natürlich aber kommen am Ende der Richtige und die Richtige zusammen. Natürlich streckt die verzauberte Kugel schließlich nicht die Braut, sondern den Widerling nieder. Und so singt der Chor am Ende:
„Er war von je ein Bösewicht, ihn traf des Himmels Strafgericht“


Der Ton macht die Musik

Diese Geschichte allein hat den „Freischütz“ ganz gewiss nicht zu der Nationaloper gemacht, als die wir ihn seither kennen. Ausschlaggebender war eher das Kolorit: stolzer, die Brust weitender Wald; vergnügtes Volkstreiben, aber auch die „dunkle Seite der Macht“ in der Wolfsschlucht. Und ausschlaggebender war sicher auch der Geist der Zeit: Auf den Tag genau sechs Jahre waren seit Napoleons Niederlage bei Waterloo vergangen. Fast genau fünf Jahre war es her, dass Weber – im Langhansschen Theatergebäude, dem Vorgängerbau von Schinkels Schauspielhaus – mit der triumphalen Kantate „Kampf und Sieg“ einen politischen Kommentar abgegeben hatte.

Und dann war da vor allem die Musik, die endlich dem in Italien geborenen und in Frankreich bekannt gewordenen Gaspare Spontini, Generalmusikdirektor an der Berliner Oper, Paroli bieten konnte: Max’ arioser Ausflug „durch die Wälder, durch die Auen“ oder der Jägerchor mit dem schallenden „Trallala“, vor allem aber das Lied vom „Jungfernkranz“ – „so durch und durch im besten Sinne des Worts populär und deutsch empfunden“, wie der Komponistenspross lobte – wurden Hits.

1822, ein Dreivierteljahr nach der Uraufführung, hat Heinrich Heine die nervende Allgegenwärtigkeit von Webers Ohrwürmern in Berlin beklagt – in der ganzen Stadt von Ost nach West, von Nord nach Süd, von früh bis spät gesungen und gepfiffen. Als sogar eine holde „Donna“, die er wohl mit ganz anderen Absichten besucht, nicht aufhören kann, an ihrem Jungfernkranz zu winden, bleibt ihm nur der Stoßseufzer „Hilf, Samiel…“

von Andreas Hitscher

Von Waldfrieden und Waldsterben…

200 Jahre nach der Uraufführung, am 18. und 19. Juni 2021, wird die katalanische Theatergruppe La Fura des Baus, die weltweit für ihre avantgardististische Operninszenierungen gefeiert wird, ihre Version dieser romantischen Oper in den Großen Saal des Konzerthauses bringen. Achtung! Es geht ganz tief hinein in den deutschen Wald!

„Den deutschen Romantikern des späten 18. Jahrhunderts war der Wald ein wichtiges Symbol für Einheit und Reinheit. Das Wort Waldeinsamkeit beschreibt ein Gefühl inneren Friedens, das man im Wald finden kann. In Webers ‚Freischütz‘ spielt der Wald eine zentrale Rolle, im Hinblick auf das Primitive ebenso wie auf das Gespenstische und Beängstigende. Die Anziehungskraft des Verbotenen, des Morbiden und Geheimnisvollen spiegelt sich im Interesse am eigenen Innenleben, am Glühen der Seele. Die leuchtende Flamme der äußeren und der inneren Welt – bei Weber klingen beide beeindruckend. 

Leider liegen die Wälder und ihre gesamten Ökosysteme im Sterben. Klimawandel und menschliches Dazutun löschen sie aus, durch Hitze, Dürren, Feuersbrünste, Termitenplagen und Pilzbefall. Deutschland ist zu einem Drittel von Wald bedeckt, das sind 11,4 Millionen Hektar. Seit Jahrhunderten haben sich die Deutschen mit ihren Wäldern identifiziert – in mythologischer und sogar in spiritueller Hinsicht. Die Wälder sterben und mit ihnen ein Teil der deutschen Seele. In unserer neuen Produktion des ‚Freischütz‘ graben wir uns tief in dieses beunruhigende ökologisch-soziale Thema hinein. Dabei wird der Große Saal zu einer mythenerfüllten Installation, in der das Publikum im Licht des Waldes sitzt – zu einer 360-Grad-Erfahrung für alle Sinne. Es geht auf die Reise zu den Wurzeln dieser Oper, wo Geschichte und Realität des Waldes und des Konzerthaus Berlin den ‚Freischütz‘ neu erstehen lassen.“ 

La Fura dels Baus, im Februar 2020

Das findet Ihr spannend und Ihr wollt noch mehr zu dem Thema erfahren?

Übrigens: Auf unserer Webseite findet Ihr ab sofort alle 200 Jahre Konzerthaus-Geschichte in unserer interaktiven Timeline auf einen Blick!