Allgemein, Konzerthausorchester

Mit Mundschutz und Mindestabstand

Endlich wieder gemeinsam vor Publikum spielen: 33 überglückliche Mitglieder des Konzerthausorchesters Berlin haben im Konzerthaus Berlin unter Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla für ein nicht alltägliches Gastspiel am 7. Juni im Konzerthaus Dortmund geprobt. Dort ist es anders als in Berlin unter strengen Auflagen wieder erlaubt, ein Sinfonieorchester vor Publikum musizieren zu lassen.  

Erschwerte Bedingungen

Wenn das Konzerthausorchester Berlin zu Tournee oder Gastspiel aufbricht, steckt dahinter wochenlange routinierte Planung und Logistik, bis alle vor Ort in Konzertkleidung hinter ihren Instrumenten sitzen und die richtigen Noten auf den Pulten liegen. Durch die Corona-Auflagen zu Mindestabstand und Hygiene müssen Orchestermanagerin Heidi Guttzeit und das Team der Orchesterwarte vieles zusätzlich bedenken, organisieren und umsetzen. 

Vor Probenbeginn gibt es für sämtliche Musiker*innen und am Projekt beteiligten Mitarbeiter*innen einen Corona-Test, der für alle zum Glück negativ ausgefallen ist.

Musik als Lebenselixier

Endlich wieder gemeinsam vor Publikum spielen zu können, ist das wichtigste für Geigerin und Orchestervorstandsmitglied Karoline Bestehorn: „Wir Musikerinnen und Musiker leben von der Interaktion, vom Austausch miteinander und von der Resonanz des Publikums. Für uns ist es von enormer Wichtigkeit, eine Sinfonie in einem großen Saal erklingen zu lassen.

Musik ist ein Lebenselixier, aus dem alle Menschen Kraft schöpfen können und so ist es dringend erforderlich, dass wir – mit Abstand und Respekt – musizieren dürfen.

Karoline Bestehorn

Auf dem Programm: Raminta Šerkšnytės „De Profundis“, Haydns C-Dur Cellokonzert mit Solist Kian Soltani und Beethovens Vierte. Hinter und auf der Bühne herrscht Mund-Nasenschutz-Pflicht, Garderoben werden je nach Raumgröße maximal fünf Orchestermitgliedern zugeteilt.  Auf der Bühne sitzen die Streicher allein an ihren 2 m auseinandergerückten Pulten, die Bläser ebenfalls – in Dortmund sogar mit zusätzlichem Plexiglasschutz zwischen sich. Unsere Blechbläser entleeren ihr Kondenzwasser nicht wie sonst auf den Boden, sondern benutzen Behälter und Wegwerftücher.

„Hände desinfizieren!“ gilt natürlich auch im Großen Saal.

Auch Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla hält Abstand –  aus Gründen der Verständigung mit dem Orchester muss sie daher in den Proben keine „Maske“ tragen. 

So haben die Musiker*innen die Proben mit Mundschutz empfunden

Mit verschiedenen Zugverbindungen geht es am Sonntagmorgen in kleinen Gruppen bei bester Stimmung Richtung Ruhrgebiet. Solo-Klarinettist Ralf Forster erzählt, was ihn beflügelt: „Musik ist Schwingung, und im Orchester schwingt es am schönsten. Bei mir geht das über den Bauch und löst im Körper ein unbeschreibliches Glücksgefühl aus. Das habe ich sehr vermisst. Der Klang ist durch den großen Abstand zwar anders, aber das kennen wir von unserem Format „Mittendrin“. Wir haben wohl die schönste „Berufung“ der Welt. In meinen Augen könnte die Welt ohne Musik nicht existieren.

Ich bin glücklich, dass es endlich wieder einen Weg gibt, die Welt zum Schwingen zu bringen.

Ralf Forster

Hier lang, bitte!

Im Konzerthaus Dortmund sorgt ein ausgeklügeltes Leitsystem dafür, dass man sich hinter der Bühne nicht zu nah kommt: Immer schön in Richtung der auf den Boden geklebten Pfeile laufen! Stellwände und Tische schaffen ebenfalls Sicherheitsabstände.

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Ein sogenannter „amerikanischer Auftritt“ vermeidet den kleinen Stau, der oft beim Betreten der Bühne unmittelbar vor dem Konzert entsteht: Die Musiker*innen kommen nicht gemeinsam, sondern nach und nach, parallel zum Publikum. Das dankte den Gästen aus Berlin nach den beiden Konzerten um 16.00 und 19.00 Uhr mit stehenden Ovationen nicht nur für ein kleines bisschen musikalische Normalität.

Eines ist sicher: Das erste Konzert nach so vielen Wochen war ein ganz besonderes!

Text: Annette Zerpner | Fotos: Markus Werner, Pascal Amos | Videos: Luisa Aha