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Durch Schönheit zur Freiheit

Die Literaturwissenschaftlerin Marie-Christin Film über die Freiheitsbestrebungen, Bildungsreformen, Aufruhr, Aufbruch und alles, was Berlin Mitte und den Gendarmenmarkt um 1820 bewegte – und natürlich auch über den „euphorischen Weltverschönerer“ namens Karl Friedrich Schinkel.

Am 26. Mai 1821 feierte man in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm III. die Eröffnung des Königlichen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt. Noch vor Webers Oper „Der Freischütz“, dessen Uraufführung erst am 18. Juni stattfinden sollte, sah das anwesende Publikum eine eine Versfassung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“. Nicht zufällig wählte man diese in der Antike angesiedelte Tragödie mit versöhnlichem Ende für den Neuanfang. Programmatisch stand sie nämlich für eine sehr moderne Idee: Ungeachtet von Machtverhältnissen können sich Menschen in Harmonie begegnen.

F. A. Schmidt: Schauspielhaus (Radierung nach einem Gemälde von J.H.A. Forst , um 1822) © Konzerthaus Berlin (Archiv)

Das Stück von 1787 muss auch rund 34 Jahre später noch unerwartet aktuell geklungen haben, denn Französische Revolution und Napoleons Zug durch Europa hatten die alte europäische Ordnung inzwischen grundlegend erschüttert. Nach der Niederlage 1806/07 hatte Preußen etwa die Hälfte seines Gebiets verloren und musste zudem hohe Kriegsentschädigungen zahlen. Nachdem sich die Franzosen in den Befreiungskriegen schließlich geschlagen geben mussten, begann ab 1815 der Wiederaufbau in Angst vor dem eigenen Volk. Mittel der Wahl der Minister Stein und Hardenberg waren die Preußischen Reformen, die zumindest vorerst mögliche revolutionäre Geschehnisse wirksam verhinderten. Berlin wuchs zwischen 1810 und 1840 übrigens von unter 200.000 auf deutlich über 300.000 Einwohner.

Die Zahl der Theater wächst

Die Reformen umfassten ein Bildungsprogramm, zu dem neben der Gründung der Berliner Universität im Jahr 1810 auch eine grundlegende Erneuerung der Theater gehörte. An vorderster Stelle stand dabei Karl Friedrich Schinkels Neubau des 1802 von Langhans entworfenen und 1817 ausgebrannten Schauspielhauses. Während das alte Gebäude noch über 2000 Sitzplätze verfügt hatte, fasste das neue Haus nur 1200 Zuschauer und fiel damit deutlich kleiner aus als die nahegelegene, 1742 eröffnete königliche Hof-Oper – die heutige Staatsoper – mit ihren rund 3000 Plätzen.

1824 kam als dritte Spielstätte das Königsstädtische Theater hinzu – gegen den massiven Widerstand des Generalintendanten der Königlichen Bühnen, Graf Brühl. Der setzte durch, dass am Alexanderplatz weder ernste Dramen noch heroische Opern aufgeführt werden durften. Dennoch war das als Volksbühne geplante und über Aktien finanzierte Gebäude in Schlossnähe zunächst ein Erfolg. Friedrich Wilhelm III., der während des Wiener Kongresses die dortigen Vorstadtbühnen kennen und lieben gelernt hatte, besuchte es nicht nur regelmäßig, sondern unterstützte es bald auch heimlich finanziell. Erst mit seinem Tod 1840 endete diese indirekte Subventionierung, an deren Fortsetzung sein Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. keinerlei Interesse hatte.

Die Künste gewinnen an Einfluss

In den 1820er und 30er Jahren stauten sich die Kutschen der Berliner Hofgesellschaft bisweilen stundenlang Unter den Linden. Sie nahm mit ebenso lebhaftem Interesse Anteil an den öffentlichen Theatern wie das bürgerliche Publikum und die zahlreichen Gelehrten der Stadt. Das Interesse des Adels galt insbesondere den Schauspielerinnen – so hatte etwa Minister Hardenberg in dritter Ehe bereits 1807 die Sängerin Charlotte Schönemann geheiratet. Bildungsbürger und Geistesgrößen dagegen erhofften sich im Anschluss ans maßgeblich von Schiller geprägte klassische Ideal, durch Schönheit zur Freiheit zu gelangen. Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Philosophen wie Hegel oder Wissenschaftler wie Wilhelm von Humboldt standen für bildungs-politisch markante Entwürfe solcher Bestrebungen.

Allerdings hatte das aktuelle Bühnengeschehen oft nur wenig mit diesen Idealen zu tun. Generalintendant Brühl legte vor allem Wert auf eine historisch korrekte Ausstattung der Stücke. Hier konnte er wiederum auf Schinkel zählen, der insgesamt über hundert Dekorationsentwürfe bei- steuerte. Doch gerade Schinkel, der nach dem Schauspielhaus auch das
Alte Museum und die Bauakademie realisierte, hatte durchaus auch die Grundzüge des Schillerschen Ideals vor Augen – Bettina von Arnim nannte
ihn sogar einen „euphorischen Weltverschönerer“. Er selbst begriff sein Tun wohl in erster Linie als Beitrag zur Weltverbesserung oder genauer gesagt einer Verbesserung Preußens. In seinen rastlosen Bemühungen ging es dem Architekten nicht nur um das oberflächliche Zusammenwirken von Bühne, Dekoration und Architektur, sondern letztlich um eine Inszenierung des neuen preußischen Staates. Eines Staates wohlgemerkt, der um 1820 noch sehr wohl als Ermöglichungsgrund und Garant menschlicher Freiheit gedacht werden konnte – oder zumindest als eine Berliner Hoffnung darauf.

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