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Jetzt wird ge-Schinkelt!

Als in den 1970er Jahren die Unesco die „Welterbekonvention“ aufsetzte, um außergewöhnliches Natur- und Kulturerbe zu schützen, gehörte die Bundesrepublik Deutschland mit zu den ersten Vertragspartnern. Die DDR dagegen wurde erst einmal nicht aktiv – zumindest nicht nach außen hin. Innenpolitisch aber war diese Konvention natürlich ein Thema. Wie sollte ein so junger Staat, der die geschichtsbedingt auf seinem Territorium liegenden Landschaften und Bauwerke aus verschiedensten Gründen bisher eher stiefmütterlich behandelt hatte, in dieser Situation handeln? Ein Gremium bildete sich, wog verschiedene Möglichkeiten ab. Und im Zuge der Bestandsaufnahme nahm man auch den Gendarmenmarkt mit dem Schauspielhaus von Karl Friedrich Schinkel (damals: Platz der Akademie) in Berlin genauer unter die Lupe. 

Dort, wo die Birken wachsen

Dieser Platz am Rande des sowjetischen Sektors lag seit der fast völligen Zerstörung in den letzten Kriegstagen 1945 brach. Das Gebäude, der Schinkel-Bau von 1821, bestand nur mehr aus einzelnen Mauern, zwischen denen Birken wuchsen. Die Berlinerinnen und Berliner kannten natürlich die große Geschichte des Platzes und des Theaters, waren hier aber nicht mehr unterwegs, weil Absperrgitter es nicht mehr zuließen. 

Und nun entschied die DDR-Regierung: Dieser Platz soll zu neuem Leben erweckt werden. Mit diesem Platz wollte der Staat zeigen, wie er mit Kultur umgeht. Den Auftrag zum Wiederaufbau bekam 1976 das Architekten-Team Ehrhardt Gißke, Klaus Just und Manfred Prasser. 

Eine unerhörte Idee

Dabei hatte Letzterer eine Idee, die der DDR-Führung zuerst gar nicht gefiel. Der 1932 in Chemnitz geborene Architekt Manfred Prasser wollte das Gebäude ganz im Sinne Schinkels wieder aufbauen, während die DDR sich vorstellte, das Innere im Kontrast zum Äußeren komplett modern zu gestalten. Aber Prasser setzte sich durch und bekam schlussendlich auch die volle Unterstützung durch das Gremium. 

Von Anfang an war klar, dass es kein Schauspielhaus, sondern ein Konzerthaus werden würde, denn das gab es in Ost-Berlin noch nicht. Außerdem konnte man, wenn man das, was von Schinkel noch übriggeblieben war, nicht zerstören wollte, kein Theater bauen. Es fehlte schlicht der Platz für Obermaschinerie, Seitenfoyers, Hinterbühne – all das, was ein Theater heute, im Gegensatz zur Zeit Schinkels, brauchte. Aber für ein Konzerthaus mit verschiedenen Sälen würde es reichen. Und Manfred Prasser war sicher: „Wenn der Schinkel das gesehen hätte, wie wir das gemacht haben, dann hätte er sich gefreut.“

Inspiration gesucht

Aber: Bevor Manfred Prasser wirklich loslegen konnte, musste er sich mit der Baukunst seines berühmten Vorgängers auseinandersetzen. Dafür fuhr er nur wenige Kilometer entfernt von Berlin nach Sanssouci, genauer zum Schloss Charlottenhof. „Dieses Prinzessinnenschlösschen, das ist ja eine richtige Schinkel-Ouvertüre!“ Die perfekte Inspiration für Prasser, was die Motive und Farbgebung des Kleinen Saals im heutigen Konzerthaus anbelangt. „Da habe ich das Schwarz, Silber, Grün, dieses zarte Rosé her. Und warum? Na, der Kammermusiksaal ist die Kammer, das ist was Feminines, Kleines, Zartes, während der Große Saal maskulin ist, das Gegenstück.“ 

Prasser klaute also bei Schinkel und er war sogar stolz darauf, besonders gut und detailgenau zu klauen.

„Ich habe mich selbst zum Schüler ernannt. Alles wurde geschinkelt. Das war das Schlagwort: Der Prasser kommt, wir müssen schinkeln.“

Manfred Prasser

Prassers Kollege Klaus Just fasst es etwas bedachter zusammen: „Wir haben uns in dieses Gebäude erst einmal hineingearbeitet, um eine vernünftige Konzeption zu finden.“ Für den Oberbauleiter musste die äußere klare Struktur zwingenderweise auch im Inneren wieder aufgegriffen werden. „Es ist einfach notwendig gewesen, diese Achtung vor der Leistung des klaren, sauberen Gebäudes nach innen zu bringen.“ Just erinnert sich außerdem, dass zuerst nicht alle mit der Vorgehensweise des Teams einverstanden waren. Aber mit viel Überzeugungskraft und vor allem architekturgeschichtlichem Wissen konnten Gißke, Just und Prasser die anderen schließlich bekehren – alle zogen an einem Strang.

Kühles Blau oder purpurnes Rot?

Und doch kam es ganz zum Schluss, als das Großprojekt schon fast abgeschlossen war, noch zu einem Streit, als es um die Farbgebung des Großen Saals ging. Eine Partei meinte, der Saal müsste komplett in blau gehalten sein, also eine kühle Ausstrahlung bekommen. Klaus Just aber hatte in dieser Zeit Besuch vom Schinkel-Verein aus West-Berlin, der ihm ein Buch des Kunsthistorikers Gustav Friedrich Waagen schenkte, einem Freund Schinkels. Und dieser Waagen beschrieb in seiner Biographie ausführlich, dass der Konzertsaal im Schauspielhaus in einem eleganten Purpurrot gehalten war. Und damit war der Streit vom Tisch und der Große Saal konnte endlich fertig gestellt werden.

Das geflügelte Pferd

Keine Diskussionen gab es dagegen um die Pegasus-Figur, die die Westfront des neuen Konzerthauses krönen sollte. Man fand sogar noch Reste des alten Pegasus, die dann allerdings Buntmetalldiebe klauten. Aber dadurch war für Prasser klar, was er dort oben sehen wollte: ein geflügeltes Pferd aus Kupfer. Der Bildhauer Gorch Wenske zog also los, auf der Suche nach Pferden, die ihm als Vorlage dienen konnten. In einem Stall in Marzahn wurde er fündig, er machte Fotos und fertigte anhand dieser Modelle, erst im Verhältnis 1 zu 10, dann 1 zu 4. Und als dies dann durchgewinkt und genehmigt wurde, kam die große Figur aus Gips, die Gorch Wenske unter großen Zeltplanen vor seinem Haus anfertigte, weil er zu der Zeit noch gar kein eigenes Atelier hatte.

Der große Gips-Pegasus kam dann als Lieferung zur Firma Kühn, einer Schmiedewerkstatt, die Achim Kühn damals grade von seinem Vater übernommen hatte. Vom Kupfertreiben, das Manfred Prasser als Herstellungsart des Pegasus vorsah, hatte er bis dahin allerdings nur gehört. Zum Glück aber gab es ältere Mitarbeiter in der Schmiede, die Erfahrung mit dieser besonderen Bearbeitungstechnik hatten. Also begannen sie mit verschiedenen Versuchsreihen, bis sie schließlich die einzelnen Teile des geflügelten Pferdes aus 1 mm dünnem Kupferblech herstellten – ganz nach Augenmaß und Zollstock, denn da das Modell aus Gips war, konnten sie nicht direkt um das Modell herumarbeiten, sondern mussten „frei treiben“. 

So sieht es übrigens aus, wenn Kupfer getrieben wird.

Immer an die Statik denken

Dabei immer im Kopf: die Statik! Schon ein Pegasus-Flügel musste 1 ½ Tonnen Winddruck standhalten. Die Kupferteile verbanden Achim Kühn und seine Kollegen anschließend in großen Teilen bereits in der Schmiede mit dem normalen Gas-Schweißverfahren miteinander, die Nähte schmiedeten sie über. Das Mannloch durften Achim Kühn und seine Mitarbeiter natürlich auch nicht vergessen, denn vieles konnte erst zusammengeschraubt werden, als der Pegasus dank des größten Krans der DDR endlich auf dem Dach des Konzerthauses gelandet war. Aber es klappte alles, nichts ging schief. Und so konnte Achim Kühn gleich weitermachen, mit der Herstellung der Figurengruppen auf den übrigen Giebelfeldern des Konzerthauses.

Der größte Kran der DDR hievte den Pegasus auf das Dach des Konzerthauses.

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Zum Weiterlesen: Auf unserem Blog findet Ihr noch mehr Artikel zur spannenden Geschichte des Konzerthaus Berlin: Ausführliches zu unserer Dokumentation und 11 wissenswerte Fakten.

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von Renske Steen

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