Allgemein, Konzerthausorchester

Mit Schubert am Küchentisch

Das "Virtuelle Quartett" spielt Schuberts "Der Tod und das Mädchen"

Holt Euch mit unserer Augmented Reality-App „Konzerthaus Plus“ die Musiker*innen des Konzerthaus Quartetts direkt zu Euch nach Hause und erlebt den Beginn von Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ einmal ganz neu und anders.

Wer jetzt zum ersten Mal vom „Virtuellen Quartett“ liest und nicht weiß, wie es funktioniert, findet hier eine Anleitung und alles zum Ausdrucken.

…zum Werk:

Die Königsgattung

Als der junge Franz Schubert in Wien mit dem Komponieren begann, war die Stadt bekanntlich eine Hochburg der „Klassik“, was auch heißt: des Streichquartetts. Innerhalb relativ kurzer Zeit war diese Form der Kammermusik – erst Mitte der 1750er Jahre in Österreich von Joseph Haydn und im Süden Europas von Luigi Boccherini unabhängig voneinander sozusagen „erfunden“ – zur „Königsgattung“ der goldenen Musikepoche geworden. Nicht nur die Besetzung mit zwei Violinen, Viola und Violoncello war mittlerweile festgeschrieben, sondern auch der viersätzige Aufbau und andere besondere formale Handwerksregeln.

Komponisten-Kräftemessen

Gerade in diesem Spannungsfeld von Vorgabe und kreativer Ausdeutung konnten und wollten sich die Tonsetzer beweisen, zumal vor einer Hörerschaft, die oft selbst die Saiten strich und somit über kritische Kompetenz verfügte: Mozart etwa maß sich an Haydn, Beethoven gleich an beiden … Inzwischen hatte das Streichquartett auch seinen Weg aus der gepflegten höfischen Geselligkeit in die öffentlichen Konzerte und nicht zuletzt in die Hausmusik genommen: Schubert zum Beispiel, der sowohl die Violine als auch die Viola zu handhaben wusste, spielte es mit den Mitschülern auf dem Stadtkonvikt ebenso wie zuhause mit Vater und Brüdern. Und – natürlich, möchte man sagen – bannte er auch viele eigene Quartetteinfälle aufs Notenpapier, die ersten bereits als Dreizehnjähriger.

Franz Schubert komponierte "Der Tod und das Mädchen"

Zu Schuberts bekanntesten Streichquartetten zählt jenes mit dem Beinamen „Der Tod und das Mädchen“ – es stammt von 1824 und ist damit eines seiner späteren Werke, aber was will das schon heißen bei einem Leben, das schon mit einunddreißig Jahren endete. Gedruckt und öffentlich uraufgeführt wurde es erst nach seinem Tod. Als es 1826 in kleinem Kreis zum ersten Mal erklang, war vom späteren Erfolg nichts zu ahnen. „Brüderl, das ist nichts, das lass gut sein, – bleib Du bei Deinen Liedern …“, soll Ignaz Schuppanzigh gesagt haben, der damals die erste Geige spielte.

Dicht beim Lied

Dabei hatte Schubert ja nun gerade in dieser Komposition dicht beim Lied gebaut – ein Umstand, dem sich der schließliche Erfolg wohl besonders verdankt, denn die Musik ist mit dem Wort verschwistert und lenkt so die Empfindungen, macht das Hören gewissermaßen einfacher: Im langsamen Variationssatz nimmt Schubert sein eigenes Lied „Der Tod und das Mädchen“ von 1817 auf Verse aus der Feder von Matthias Claudius zum Material:

Das Mädchen:
Vorüber! Ach vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod: Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund und komme nicht zu strafen,
Sei guten Muts! Ich bin nicht wild,
sollst sanft in meinen Armen schlafen.

Ganz gewiss war 1824 Schuberts Rückgriff auf die Claudius-Worte nicht zufällig gewesen. Im März jenes Jahres, als er mit der Komposition des Quartetts befasst war, schrieb er, sich seiner Syphilis-Erkrankung und der daraus resultierenden Stigmatisierung bewusst, an einen Freund: 

„… Ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt. Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will … Jede Nacht, wenn ich schlafen geh, hoff ich nicht mehr zu erwachen, und jeder Morgen kündet mir nur den gestrigen Gram …

Franz Schubert

Schlafes Bruder

Diesem autobiographischen Dokument entspricht im Quartett der erlösende Charakter des Andante. Schubert bezieht sich hier thematisch nur auf die Antwort des Todes aus dem Lied-Dialog: Der Tröster und Schlafes Bruder wiegt sich sanft in allen Variationen und breitet seinen Mantel sogleich über zwischenzeitliche Unruhe und Lust am Diesseitigen. Den anderen drei Sätzen aber hat die Musikwissenschaft die „Todes-Angst“ des Mädchens zugeordnet: Gleich in den allerersten Takten kann man dessen entsetzte Aufschreie, ungläubiges Nachfragen und aussichtsloses Aufbegehren geradezu körperlich mitempfinden. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt!

Text: Andreas Hitscher
Unser Dramaturg hat hier schon einmal über seine Lieblingsgattung Streichquartett geschrieben.

Erfahrt hier alles über die Entstehung des „Virtuellen Quartetts“ !

Diese Woche dreht sich bei unserem Online-Angebot #konzertZUhaus alles um das Virtuelle Quartett und Schuberts „Der Tod und das Mädchen“. Ganz besonders könnt Ihr Euch am Donnerstag um 21.00 Uhr auf unsere Online-Premiere des Werks freuen, gespielt vom Konzerthaus Quartett in unserem Kleinen Saal!