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Musik zum Einschlafen

Es schnauft und schnarcht, schlummert und träumt in allen Ecken: wie ist das denn nun, mit der angeblich schlaffördernden Wirkung von klassischer Musik? Unser Dramaturg Andreas Hitscher hat nachgeforscht.

„Guten Abend, gut‘ Nacht“, eines der bekanntesten deutschsprachigen Wiegenlieder, stammt aus der Feder von Johannes Brahms. 1868 schenkte er die Vertonung von Zeilen aus „Des Knaben Wunderhorn“ einer Bekannten, die gerade ihren zweiten Sohn geboren hatte, „zu allzeit fröhlichem Gebrauch“. Der Bedarf nach (und vielleicht auch die Wirkung von) diesem musikalischen Sedativum war so groß, dass es sich rasend verbreitete. Brahms richtete an seinen Verleger den schwarz-humorigen Vorschlag, zwecks weiterer Absatz- und Geldvermehrung ebenfalls eine Ausgabe in Moll „für unartige oder kränkelnde Kinder“ zu machen und brachte 1877 im Anfangssatz seiner Zweiten Sinfonie tatsächlich eine Moll-Variante ein…

Schlaf-Musik

Wenn die Bestuhlung im Konzerthaus auch nicht unbedingt dazu einlädt, sich umgehend in Morpheus‘ Arme zu begeben, wird wohl doch schon so mancher Gast selbst hier die schlaffördernde Wirkung von Musik erfahren haben – am eigenen Leib oder an dem des sehr tief und gleichmäßig atmenden, wenn nicht gar schnarchenden Nachbarn. Der Zorn oder die Scham darüber (je nach Perspektive) ist verständlich. Im heimeligen Privatgemach freilich lassen sich derlei Zusammenhänge sogar im Sinne der Gesundheit nutzen: Ende 2018 konnte man von einer englischen Studie lesen, die sich mit Musik als Einschlafhilfe beschäftigte.

Ob unser Solo-Pauker Michael Oberaigner und Geigerin Linda Fichtner wohl schon mal im Konzert eingeschlafen sind? Bei #doppeltgefragt bekommt Ihr die Antwort!

Die Mehrheit der Befragten war demnach der Meinung, besonders gut ließe es sich mit klassischer Musik ins Reich der Träume segeln – und ganz besonders gut mit Bach, Mozart und Chopin. Gegen empirische Beweislast ist wenig anzuführen, aber dennoch sei die Vermutung gestattet, dass sich möglicherweise eine gewisse – respektlose – Kurzschlüssigkeit mit auf das sanfte Ruhekissen gelegt haben könnte. Denn damit ein Chopinsches „Nocturne“ seine nächtliche Atmosphäre entfalten kann, braucht es durchaus unsere Aufmerksamkeit; Mozarts „Kleine Nachtmusik“ sollte wie andere seiner Serenaden Schlaf und Langeweile ja eher vertreiben; der Bach-Chor „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ – aber das führt zu weit… Viele Instrumental- und Gesangsstücke, in denen Schlaf und Nacht geschildert und fühlbar gemacht werden, zählen mit zum Schönsten, was die Komponisten schrieben – sich gewünscht, die Hörer würden dabei langsam entdämmern, haben sie, abgesehen von Wiegenliedern, gewiss nicht. Andererseits muss dies uns Heutige natürlich beim „Gebrauch“ keineswegs stören, zumal die „klassischen“ Tonsetzer eh nichts mehr dagegen ausrichten können, weil allesamt in ewigem Schlaf befindlich. 

Schlaf-Medizin

Apropos Bach: Dass der Cembalist Johann Gottlieb Goldberg seinerzeit die sogenannten „Goldberg-Variationen“ in Dresden dem Grafen Keyserlingk vorgespielt habe, damit dieser „in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte“, muss wohl als Legende gelten. Gesichert ist hingegen, dass der Kastrat Farinelli – einer der berühmtesten Sänger der Musikgeschichte – um 1740 in Madrid für den spanischen König Philipp V. zur unverzichtbaren Droge wurde: Neun Jahre lang sang er für den an Depressionen und Schlafstörungen leidenden Regenten allabendlich – man höre, staune und gähne – ein und dieselben vier Arien. Offenbar erfolgreich, denn wie der Musikreisende Charles Burney berichtete, wurde „der Sänger für die Heilung verantwortlich gemacht“.

Bleibt festzuhalten: Mit Musik geht alles besser, das Wachsein wie das Schlafen – meistens jedenfalls. Macht doch einfach gelegentlich – frei nach dem aufgeweckten Bertolt Brecht – die Probe aufs Exempel und „ehrt IHN (in unserem Fall selbstverständlich den großen Jubilaren des Jahres), indem Ihr Euch nützt“: Geht mit der „Mondscheinsonate“ ins Bett! Mal schauen, wie lange es dauert, bis sich die Lider senken. In diesem Sinne: Schlaft gut – nur nicht am Lenkrad Eures Wagens oder im Konzert! Dann klappt‘s auch mit dem Nachsatz: „Morgen früh, wenn Gott will …“

Text: Andreas Hitscher

Titelfoto: Marco Borggreve

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