Allgemein, Konzerthausorchester

Christoph Eschenbach – Ein Porträt

Christoph Eschenbach Konzerthaus Berlin 2019-2020Photo: Marco Borggreve

Ein Text von Irene Dische | Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Plessen | For English version, see below

Jeder von uns ist ein Dorf.

Darin finden sich ein Verbrecher, sein Anwalt, ein Dummkopf und ein Denker. Man begegnet sicherlich auch einem Kind, einem Mann und seiner Frau, einer Großmutter, einem Liebhaber, alle zusammengedrängt in einer Person. Hin und wieder wetteifern diese Gestalten darum, wer das Sagen hat. Einer kümmert sich um das soziale Verhalten, wohingegen ein anderer sein Privatleben führt. Wer behauptet, nach kurzer Bekanntschaft mit jemandem vertraut zu sein, irrt sich. Stellen Sie sich vor, Sie betrachteten die Figuren auf einem Bild von Breughel und sagten: „Ich kenne diese Leute gut!“

Nur das Äußere lässt sich leicht bestimmen. Christoph Eschenbachs Gestalt ist kompakt, sauber gezogene Linien, ungewöhnlich für jemand in seinen Siebzigern (das Alter verhunzt gewöhnlich alles). Das Gesicht hat die klaren, starken Züge behalten. Die dunklen Augen scheinen über Blenden zu verfügen, die er zuzieht, damit ein Fremder nicht hineingucken kann. Seine Stimme ist leise. Ich kenne ihn lange und gut genug, um mich mit ihm zu kabbeln, doch dass er laut würde, habe ich nie erlebt. Vielleicht verwaltet der Dorfgeistliche sein Äußeres. Ein ruhiger, kontemplativer Priester – ein geistiges Leben, das er nicht an die große Glocke hängt. Er kleidet sich schlicht, in monochromen Tönen. Hand- und Brieftasche sind dieselben, seit ich ihn kenne. Er isst, wenn er Hunger hat. Bei Gelegenheit, das heißt, sollte er einmal zu Hause sein, isst er jeden Tag dasselbe – Gorgonzola und Tomaten, Räucherlachs und Toast. Der Priester trinkt Barolo. Er räumt selber auf. Falls nötig, räumt er auch hinter anderen her.

Das führt uns zu einer wichtigeren Rolle: der einer Mutter/Vaterfigur, eines Ernährers. Christoph hat sich nie genug für Konventionen interessiert, als dass er ihnen gefolgt wäre. Er hat nie geheiratet, keine Familie gegründet, aber er hat viele erwachsene Kinder, Männer und Frauen aus verschiedenen Kontinenten, Musiker, die er ausbildete und beeinflusste und um die er sich kümmerte. Es interessiert ihn immer, was sie machen. Er unterstützt sie und ist stolz, wenn sie erfolgreich sind. Er mischt sich nicht in ihr Privatleben ein, er lässt sie Fehler machen. Was uns zu jemandem führt, den es in seinem Wesen nicht gibt – den Richter. Genauso fehlt ein Polizist. 

Tzimon Barto und Christoph Eschenbach, 1988
Tzimon Barto und Christoph Eschenbach, 1988

Wen gibt es da noch?

Ich lüge nicht, wenn es zu Technologischem kommt. Da übernimmt der Dorftrottel. Christoph beherrscht seinen Toaster. Doch die elektronischen Geräte entziehen sich ihm. Christophs Pianist beäugt den Computer voll Feindseligkeit – die geschmeidigen Finger stolpern über die Tastatur. Das iPhone trotzt ihm. Zuhause hat er ein altes Festnetztelefon aus dem letzten Jahrhundert. In Nordeuropa dürfte es kein zweites seiner Sorte geben.

Dann gibt es den Vagabunden. Meist hat er die Dinge in der Hand – Christoph reist, ohne zu klagen.  Fast immer in allerletzter Minute am Flugplatz, habe ich ihn herumschlendern sehen, gelassen, als röche er an Rosen. Der Anblick eines schon wieder entvölkerten Gates und das genervte Personal der Fluggesellschaften beunruhigen ihn nicht. Vielleicht fliegt er noch mit, vielleicht auch nicht. Darauf kommt es nicht an. Er reist wegen der Arbeit, und wenn er ausspannt, reist er per Segelboot. Stürme machen ihm nichts aus. Hat ein Flugzeug Verspätung oder landet es im falschen Land, hält er es dem Schicksal nicht vor. Manchmal gesteht er, dass er sich nach einer Nacht guten Schlafs sehne, wenn er dreimal um den Globus gereist ist.

Der Vagabund genießt die Einsamkeit, er ist zufrieden, wenn er für lange Zeit allein ist. Besitz braucht er nicht. Das Wenige, das er mag, hat er für Jahrzehnte um sich, ohne es satt zu bekommen. In Gesellschaft macht ihm das Teilen aber Spaß. Seine Großzügigkeit ist bemerkenswert. Er würde sein letztes Stück Brot teilen. Mit Musikern teilt er gern das Rampenlicht.

Eschenbach und Herbert von Karajan, Dezember 1966
Eschenbach und Herbert von Karajan, Dezember 1966

Der Gärtner und der Vagabund sind Feinde. Der Gärtner hat einen prachtvollen Dachgarten in Paris, und kennt ihn in- und auswendig. Der Gärtner und der Musiker sind dicke Freunde, der Maestro sitzt, wenn er seine Partituren studiert, gern zwischen blühenden Frühlingsblumen, den Eiffelturm im Hintergrund. Es gibt weitere Gärten – Bilder an den Wänden zuhause, und in Museen. Er ist ein begieriger Museumsbesucher. Er hat auch einen schönen Büchergarten, den er andauernd besucht.

Ich habe die wichtigste Person bis zum Schluss aufgespart. Ein kleiner Junge, der im Krieg zutiefst verletzt wurde. Er ist unabhängig, beschützt sich selbst. Liebt er andere, liebt er sie um jeden Preis. (Wenn Sie schon lang auf der Welt sind, gibt es viele davon. Dass sie nicht um uns sind, heißt nicht, dass man sie weniger liebt.) Der kleine Junge hat seine Mutter, den Vater, die Großmutter verloren. Es gibt niemand, den er kennt. Und der Junge ist schwerkrank. Eine Fremde nimmt ihn mit und bringt ihn ins Bett. Er kann nicht aufstehen. Sie ist Klavierlehrerin. Sie gibt Stunden, und er hört zu. Wochen vergehen, er spricht nicht, doch hört er ihrem Spiel zu. Der Junge von damals wurde ein Pianist und Dirigent. Spielt ein anderer für ihn heute, ist dieser Musiker auch der kleine Junge, der damals vom Typhus genas. Der verwundert und dankbar zuhört, als habe ihn die Musik gerettet. Und diese Haltung beherrscht sein Leben. Eine Art staunende, stille Freude bei allem.

Christoph Eschenbach spielt Geige mit seiner Mutter Wallydore am Klavier
Christoph Eschenbach spielt Geige mit seiner Mutter Wallydore am Klavier

English original version

We are villages: in any one person, you might find a criminal, his lawyer, a fool and a thinker. You’ll certainly meet a child, along with a husband and a wife, a grandmother, a lover, all crowded into one personality. Sometimes these personages vie for control, one may take charge of all public interactions, while another manages private life.  If you claim to find someone familiar after a brief encounter, you are fooling yourself.  Imagine glancing at the figures in a Brueghel painting and saying, I know what they’re like.

Appearance is the only easy part to define. Christoph Eschenbach’s figure is compact, with neatly drawn lines unusual for someone in his seventies (age usually makes such a mess). His face has kept clear, strong features. His dark eyes seem to have shades he keeps drawn, so a stranger cannot look inside.  His voice is soft. I have known him long and well enough to have spats with him, but I’ve never heard him raise his voice.  Perhaps the village Priest administers his exterior. A quiet, contemplative priest, with a spiritual life he doesn’t broadcast. He dresses simply, in monochrome colors. He has carried the same handbag and wallet for as long as I’ve known him. He eats when he’s hungry. If given the opportunity, that is, when he’s home, he eats the same thing every day, gorgonzola and tomatoes, smoked salmon and toast. The Priest drinks Barolo. He cleans up after himself. If necessary, he cleans up after others.

That brings us to one major persona: a mother/father, a Nurturer. Christoph was never interested enough in conventions to follow them, he never married, and never raised a family, but he has many grown children, men and women from different continents, musicians he has trained and influenced and looked after. He is always interested in what they are doing, supportive and proud when they succeed. He never meddles in their private lives, he lets them make mistakes. Which brings us to someone missing from his personality – the Judge is missing entirely. And there is no sign of a Policeman.

So who else is in there?  

I’m not going to lie – when it comes to technology, the Village Idiot takes over. Christoph has mastered his toaster. But electronics elude him. Christoph’s Pianist views the computer with hostility – his supple fingers stumble on its keyboard. His iphone defies him. At home, he has kept his old landline phone, from the past century. There may not be another one like it in northern Europe.

Then there’s the Vagabond. He is often in control — Christoph is one of the few who travel without complaining. . Always, always late to the airport, I’ve seen him sauntering along as if he’s smelling the roses. The sight of an already empty gate and aggrieved airline staff doesn’t perturb him. Perhaps he will still make the flight, perhaps he won’t, and it’s no matter. He travels for work, and when he relaxes, he travels by sail boat. He doesn’t mind storms.  When a plane is delayed, or lands in the wrong country, he doesn’t rebuke fate. Sometimes he admits to being eager for a good night’s sleep after he’s traveled thrice around the globe.

The Vagabond enjoys solitude, he is content to be on his own for long periods. He doesn’t need possessions. The few that he likes, he keeps for decades without tiring of them. When he has company, though, he enjoys sharing what he has. His generosity is very striking. He would share his last crust of bread. With musicians, he gladly shares the limelight.

The Gardener is the enemy of the Vagabond. The Gardener keeps a gorgeous rooftop garden in Paris and he knows every detail of it. The Gardener and the Musician are great friends, the Maestro prefers to study his scores sitting among flourishing spring flowers, the Tour Eiffel in the background. There are other gardens – paintings on his walls at home, and in museums; he is an avid museum goer. He also has a beautiful garden of books that he visits and re-visits.

I have left the most important personage for last. This is a little boy who was badly wounded in the War. He is independent, protects himself. When he loves others, he loves them heroically, at all costs. (When you’ve lived a long time, you love many. Just because they’re not around, doesn’t mean you love them less.) This little boy has lost his mother, his father, and his grandmother. There is no one familiar left, and he is ill. A stranger takes him home, and puts him to bed. He cannot get up. She is a piano teacher. She gives lessons and he listens. Weeks go by, he doesn’t speak, but he listens to her play. This little boy became a pianist and a conductor. But when someone else plays for him, the Musician is also the little Boy, recovering from typhus, listening full of wonder and gratitude and humility, as if the music has rescued him. And this attitude governs his life: a kind of surprised, humble delight in all of it.

Am 20. Februar 2020 wird unser Chefdirigent Christoph Eschenbach 80 Jahre alt. Wir feiern diesen besonderen Geburtstag vom 25. Februar bis 1. März 2020 mit ihm und vielen musikalischen Weggefährten. Alle Infos und Tickets für unser Geburtstagsfest findet Ihr hier.

Fotos: Marco Borggreve (Titelfoto), Christoph Eschenbach