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Zen am Geigenpult

Stillsitzen, den Kopf leer werden lassen und tief durchatmen. Das ist der Kern von Meditation. Wusstet Ihr, dass wir im Konzerthausorchester sogar eine wahre Meditations-Expertin haben? Unsere Geigerin Eva Sütterlin lebt mitten im Berliner Großstadtdschungel nämlich schon lange nach der japanischen Rinzai-Zen-Tradition! Was genau das heißt, haben wir sie gefragt.

Wie kommt es, dass Du Dich für den Zen-Weg entschieden hast?

Weil ich Musikerin im Konzerthausorchester bin! Als ich 1990 ins Orchester kam, ging meine erste Tournee nach Japan. Ich hatte damals keine wirkliche Vorstellung davon und habe mich auf die Reise nicht weiter vorbereitet. Die Kollegen sagten mir nur: „Nimm was zu essen mit: Spaghetti, Zwieback und Konserven.“ Im Endeffekt war es mein Glück, dass ich so unvoreingenommen mitgefahren bin. Es war toll!

Meine Kollegen – allen voran unser Solo-Bassklarinettist und Reiseexperte Norbert Möller – nahmen mich zu vielen wunderbaren alten Bauwerken, Klöstern und Tempeln mit. Die Lebensweise, die Freundlichkeit, der Respekt und Unkompliziertheit der Menschen vor Ort haben mich total begeistert – und das Essen! Das, was ich vorher eingepackt hatte, ging unangetastet wieder mit nach Hause. Es hat mich total fasziniert, sodass ich bei der zweiten Japan-Tournee fünf Jahre später direkt mit einer japanischen Freundin zu den Zen-Tempeln und Klöstern gereist bin. In Kyōto hatte ich dann eine Begegnung mit einem alten Zen-Priester, die mein Leben verändert hat.

Was ist für Dich der Kern des Zen-Buddhismus?

Auf den Punkt gebracht, geht es im Buddhismus um die Verringerung und Auflösung eines „Ich“ im Sinne eines Ego. Der Buddhismus ist ein Weg vom Ich zum Wir. Diese Erfahrung wird „Erleuchtung“ genannt. Es ist kein Ziel, sondern ein lebenslanger Übungsprozess. Ähnlich wie beim Bergsteigen kannst Du eine neue Rundumsicht erfahren, sobald Du einen Gipfel erklommen hast. Und was siehst Du? Viele weitere Gipfel, die Du vorher gar nicht wahrnehmen konntest. Und so geht es immer weiter…

In diesem Sinne ist „Erleuchtung“ die Erfahrung des „Nicht-Ich“. Sie ist kein absolutes Ziel. Es sind Erfahrungen dieser Art, bei denen es kein Ende gibt, kein Ende geben kann, solange wir als Menschen verkörpert sind.

Gibt es noch mehr Erfahrungen?

Du lernst im Hier und Jetzt wach und offen zu sein. Nach und nach gelingt es auch, das Denken in dualistischen Kategorien zu minimieren. Normalerweise ist man ja im Abendland an diese üblichen dualistischen Einteilungen gewöhnt.  Diese führen aber zu diskriminierendem Denken und darüber hinaus, kann es auch zu diskriminierenden Handlungen kommen. Zum Beispiel: „Diesem Menschen helfe ich gern, jenem nicht. Diesen Menschen liebe ich, jenen hasse ich. Dieses Leben ist ein wertvolles, aber jenes ein unwertes.“ Diese Beispiele machen deutlich, wohin es führen kann, wenn wir im dualistischen Denken verhaftet bleiben. Es geht bei der Übung des Zen genau darum: dass man aufhört, diese Unterscheidungen zu treffen, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, dass jedes Lebewesen gleich viel wert ist, dass jedes Ding gleich viel wert ist und dass man alles mit demselben Respekt behandelt.

Wie gelangt Ihr zu dieser Erkenntnis?

Man übt Zazen: stilles, aufrechtes und aufmerksames Sitzen auf der Erde auf einem flachen Sitzkissen. Bei diesem Sitzen geht es darum, dass man sich selbst kennenlernt. Man setzt sich still hin und praktiziert eine Art Innenschau. Dabei rauschen viele Gedanken durch den Kopf – viel zu viele! Die hindern uns z.B.daran, im Alltag wirklich wach zu sein, wir sind oft abgelenkt. Bei der Zazen-Übung beruhigen wir diesen Gedankenfluss. Es dauert lange, bis man das erlernt. Aber wenn es sich langsam beruhigt, kannst Du in Dir selbst vieles entdecken: auch unschöne Dinge, Egoismen, die Du jetzt erkennst. Erst wenn Du das entdeckst, kannst Du solche Dinge auch ändern. Und nach vielen, vielen Jahren der Übung werden Dein Herz und Dein Geist leer. Du wirst wie ein leerer Spiegel. Jetzt erst kannst Du erkennen, wie Du selbst inmitten der Welt wirklich bist.

Hilft Dir das auch im musikalischen Berufsalltag?

Auf jeden Fall! Durch die tägliche Zazen-Übung entwickelt sich eine höhere Konzentration, eine fließendere Energie, eine größere Spontaneität. Es ist nicht mehr wichtig, ob ich einen Dirigenten mehr oder weniger mag oder ob wir Stücke spielen, die ich besonders interessant finde. Es ist vielmehr wichtig, da zu sein, zu spielen, präsent zu sein und aufmerksam zu sein. Die Musik steht an erster Stelle.

Auch im Umgang mit den Kollegen hilft es. Man erlebt als Musikerin früh den starken Konkurrenzdruck, wird als Solistin ausgebildet, muss sich aber im Orchester einer Gruppe unterordnen. Die eigene Individualität untersteht dem Gesamtklang, dabei gelangst Du vom „Ich“ zum „Wir“. Und das ist das, was im Zen gelernt wird.

Und das funktioniert?

Absolut. Unser Ehrendirigent Iván Fischer hat in diese Richtung gearbeitet und das Orchester ist unter seiner Leitung mehr und mehr zusammengewachsen. Diese Zusammenarbeit hat unserem Orchester in menschlicher und in klanglich-musikalischer Hinsicht sehr viel gegeben. Auch unser neuer Chefdirigent Christoph Eschenbach arbeitet mit uns auf ähnliche Weise.

Hat es auch Vorteile fürs Geige-Spielen, Zen zu üben?

Für mich ist der Zen-Weg ein Anker. Es hilft mir, an Wochentagen früh aufzustehen und um 7.30 Uhr in der Zendō Zazen zu üben. Gerade weil wir mehrmals in der Woche spät abends Konzerte spielen, ist ein geregelter Tagesanfang mein Ankerpunkt. Nach dem Frühstück mache ich noch die Übungen der „Fünf Tibeter“ und ein bisschen Yoga. Das hält Körper und Geist fit. Somit hilft mir der Zen-Weg ungemein beim Geige spielen.

Eva hat sich bei ihrem Zen-Weg für den Sa-Do, den Tee-Weg, entschieden. Wir durften bei einer ihrer Tee-Zeremonien dabei sein und ein bisschen Zen-Luft schnuppern:

von Luisa Aha