Allgemein, Konzerthausorchester, Musikerportrait

Frei im Kopf & voller Energie

Unsere Konzerthaus-Geigerin Gerður Gunnarsdóttir ist in Reykjavík geboren. Wir haben sie gefragt, was es mit der isländischen Musiktradition und den vielen Kreativen unter den gut 353.000 Isländerinnen und Isländern auf sich hat.

Rímur und Langspil

„Es gibt eine ganz starke, sehr schöne Chortradition in Island, aus der auch ich komme. Die meisten von uns haben irgendwann in ihrem Leben in einem Chor gesungen. Es gibt unglaublich viele davon. Bis Ende des 18. Jahrhunderts hatten wir bloß unsere Gesangserzählungen, die Rímur. Erst als einige Isländer für verschiedene akademische Ausbildungen nach Kopenhagen gegangen sind, haben sie dort unter anderem auch Instrumente spielen gelernt. Dann kamen die Orgeln in die Kirchen, es gab primitive Geigen und das „Langspil“, eine isländische Art der Zither.

Wir haben also keine starke alte Musiktradition wie Deutschland – es ist ja noch gar nicht so lange her, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes aus unseren Stein-, Torf- und Grashäusern herausgekommen sind. Aber dadurch sind wir vielleicht ein bisschen freier im Kopf, denn Tradition kann auch fesseln. Wir fühlen uns nicht gebunden. Alle können musikalisch machen, was sie wollen und tun das auch.

Lange Nächte machen kreativ

Die Behauptung, alle Isländer hätten eine künstlerische Ader, ist etwas übertrieben, hat aber doch etwas für sich. Der Winter ist lang und dunkel, wir müssen immer gegen die Natur ums Überleben kämpfen. Entweder man wird depressiv, schließt sich ein und macht nichts mehr oder versucht, seine Energie in Kreativität umzuwandeln. Wenn man eine Idee hat und etwas auf die Beine stellen möchte, ist das in Island einfacher als hier. Wir sind so wenige, dadurch hat man mehr Mut. An Berlin liebe ich die Vielfalt. Ich brauche beides, Island und Berlin, das habe ich im Laufe der Jahre gelernt.“

von Annette Zerpner

Im Programm

Am 16.11. steht Gerður mit „Essence of North“ bei unserem Islandfest „Sounds of Iceland“ auf der Bühne. Sie spielt Bratsche, Geige und singt und wird begleitet von Komponist und Klarinettist Claudio Puntin. Freut Euch auf ein Programm inspiriert vom Nordlicht, von der Stille und den Naturgewalten der Vulkaninsel!