Allgemein, Hommage an GIdon Kremer

Inspirierendes Familienporträt

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Mit unserer zehntägigen Hommage ehren wir in dieser Saison den großen Geiger Gidon Kremer. Er gilt mit seiner kompromisslosen künstlerischen Grundhaltung als einer der tiefgründigsten und originellsten Interpreten seiner Generation. Wir haben mit ihm über Mieczysław Weinberg, Franz Schubert und seine Kremerata Baltica gesprochen.

Wie haben Sie sich entschieden, mit welchen Künstlerinnen und Künstlern Sie Ihre Hommage gestalten?

Die Hommage ist ein Selbstporträt mit Künstlern, in denen ich etwas suche, das mir selber besonders nah ist. Es geht gar nicht darum, dass ich so von Bedeutung bin, sondern dass die Welt, die mich inspiriert, von Bedeutung ist. Ich möchte, dass die Menschen im Publikum etwas aus meiner Welt für ihr Leben mitnehmen. Bei der Auswahl war mir wichtig, dass nicht nur die künstlerische, sondern auch die persönliche Ebene stimmt. Natürlich sind sehr renommierte Musiker und Freunde wie Christoph Eschenbach, David Zinman, Martha Argerich oder die Pianistin Yulianna Avdeeva dabei, mit denen ich eine musikalische Welt teile. Ich habe außerdem versucht, viele junge Künstler mitzubringen wie die Akademisten der Kronberg Academy und den Pianisten Georgis Osokins. Ich habe aber beispielsweise auch meinen engen Freund Slawa Gaufberg zu einem Late Night Konzert eingeladen. Er ist zugleich Medizinprofessor und ein Künstler, der sich auf für mich sehr berührende Weise mit Liedern russischer Dichter auseinandersetzt.

Ein Schwerpunkt Ihrer Hommage ist Mieczysław Weinberg, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Was verbindet Sie mit dem 1996 verstorbenen Komponisten?

Mit Weinbergs Musik beschäftige ich mich schon einige Jahre, aber aus diesem Anlass möchte ich mich noch einmal besonders für ihn einsetzen: Ich sehe diese Hommage auch als Hommage an ihn. Seine tragische Geschichte und die emotionale Aussage seiner Werke berühren mich sehr. Zunächst habe ich mich unbewusst auf diesen Komponisten konzentriert, über die persönliche Verbindung musste ich mir erst klarwerden: Weinbergs Schicksal erinnert mich an das meines Vaters, dessen gesamte Familie ebenfalls im Holocaust ermordet wurde.

Haben Sie Weinberg in Ihrer Zeit als Student am Moskauer Konservatorium getroffen?

Er hat sich vor der Uraufführung von Dmitri Schostakowitschs Violinsonate für uns Studenten warm gespielt, das war 1969. Schostakowitsch ist ihm ein guter Freund und ein inspirierender Lehrer gewesen. Sie vertrauten, respektierten und beeinflussten sich gegenseitig. Ich habe Weinbergs Auftritte aus der Ferne beobachtet, aber leider den Moment verpasst, ihn selber kennenzulernen. Als junger Mann war ich Feuer und Flamme für die Avantgarde und hatte noch nicht erkannt, was für eine Bedeutung Weinbergs Musik hat. Vor allem auf der Suche nach einem Repertoire für die Kremerata Baltica habe ich inzwischen sehr viele Werke von ihm entdeckt.

Gidon Kremer über seine Hommage

Franz Schubert steht ebenfalls mehrfach auf dem Programm.

Schubert trifft den Tonfall meiner Seele und erscheint mir als einer der reinsten Komponisten. Er hat einfach keine überflüssigen Noten komponiert. Ich habe die meisten seiner Kammermusikwerke gespielt – alle Streichquartette, die Werke für Klavier und Violine, aber auch das Oktett oder das Streichquintett. Das waren jedes Mal Ausflüge in eine ganz besondere Welt.

Welche persönliche „Mission“ steckt hinter Ihrem Orchester, der Kremerata Baltica?

Die Kremerata Baltica ist eine Familie. Als baltisches Orchester spielen wir verstärkt Musik von Komponisten aus unseren Ländern. Die drei Staaten, insbesondere Lettland, unterstützen uns etwas, aber eigentlich muss das Orchester sich selbst finanzieren. Das ist keine einfache Situation, aber wir existieren nun schon 22 Jahre! Das heißt übrigens nicht, dass der Altersdurchschnitt stark gestiegen ist. Ich habe immer dafür gesorgt, dass Nachwuchs frei gewordene Stellen besetzt. Die Frische und der Geist sind auf diese Weise erhalten geblieben. Routine im negativen Sinne gibt es nicht. Ich entwickle immer neue Ideen und Projekte für die Kremerata – ein Beispiel ist das Late Night Konzert „Hommage an Weinberg“ mit Videokünstlern.

von Annette Zerpner

Vom 18.–27.10.2019 feiern wir unsere „Hommage an Gidon Kremer“ – Alle Infos und Tickets findet ihr hier.

Biografie

Gidon Kremer wurde 1947 in Riga im heutigen Lettland geboren. Sein Repertoire reicht von der Klassik bis ins 20. und 21. Jahrhundert, sein Name ist eng verbunden mit zahlreichen zeitgenössischen Komponisten. Besonders engagiert er sich für das Schaffen russischer, baltischer und osteuropäischer Komponisten.

Neue Musik für Violine hat Kremer mit großer Leidenschaft gefördert, zahlreiche wichtige Werke sind ihm gewidmet. Er hat bereits über 120 Alben aufgenommen, für die er international vielfach ausgezeichnet wurde. Außerdem erhielt er den Ernst von Siemens Musikpreis, das Große Bundesverdienstkreuz, den Moskauer Triumph-Preis, den UNESCO-Musikpreis und den Preis Una vita nella musica – Artur Rubinstein. 2016 wurde Gidon Kremer der Praemium Imperiale verliehen, der als „Nobelpreis der Musik“ gilt. 1997 gründete er das Kammerorchester Kremerata Baltica zur Förderung herausragender Nachwuchsmusikerinnen und -musiker aus dem Baltikum. Das Ensemble unternimmt regelmäßig ausgedehnte Konzertreisen und hat bereits fast 30 Alben veröffentlicht.