Allgemein, Konzerthausorchester, Musikerportrait

Ganz Hohes C

Wer sein Cello neben sich im Flugzeug festgurtet oder mit dem Kontrabasskasten auf dem Rücken an der Fahrradampel wartet, braucht auf diesen Spruch nicht lange zu warten: „Augen auf bei der Berufswahl – im nächsten Leben Piccoloflöte lernen!“ Daniel Werner hat das schon in diesem Leben richtig gemacht: Seit 2017 ist er Solo-Piccolist im Konzerthausorchester Berlin. Wir haben mit ihm über die großen Herausforderungen seines kleinen Instruments und die Vorfreude auf Werke der neuen Saison gesprochen.

Hast Du Dich von Anfang an für die Piccoloflöte entschieden?

Ich habe mit Querflöte angefangen, zwei Jahre später kam das Piccolo dazu. Ich bin in Südtirol in einem kleinen Dorf bei Meran aufgewachsen. In dieser Region ist die Blaskapellentradition ganz stark und lebendig, das Piccolo gehört dazu. Vor dem Abitur habe ich in Bozen am Konservatorium, danach beide Instrumente in München studiert.

Das Piccolo kommt bis hinauf zum fünfgestrichenen c. Dieses Extrem garantiert ihm einen Exotenbonus beim Publikum. Worin liegt seine Faszination für Dich?

Die Piccoloflöte ist häufig sehr exponiert und wird dabei gern als eine Art reines Blaskapelleninstrument belächelt, auf dem man vor allem sehr hoch und schrill spielen kann. Das ist aber nicht, was sie ausmacht. Ich finde besonders spannend, ihr eine Stimme, eine Seele zu geben – dass das Instrument sehr klein ist, heißt nicht, dass es nichts zu sagen hätte.

Ist das 32 cm lange Piccolo einfach eine Miniquerflöte?

Die Griffe sind identisch, aber je mehr man sich mit beiden Instrumenten beschäftigt, desto deutlicher wird einem, wie unterschiedlich Spielweise, Luftführung und Stütze sind. Für einen wirklich angenehmen, schönen, warmen Piccoloklang braucht man wegen der geringeren Größe des Instruments viel mehr Resonanzräume im Körper – den Augenhöhlen, dem Mund- und Kopfraum. Das hat auch mit Vorstellungskraft zu tun.

Worauf freust Du Dich in dieser Saison ganz besonders?

Auf den Beginn des Schostakowitsch-Zyklus mit Christoph Eschenbach. Die Piccoloflöte ist in seinen Sinfonien enorm präsent, nicht nur an den zahlreichen militärischen Stellen. Er hat es oft so einbezogen, dass es wie die „Stimme aus dem Jenseits“ tönt. Diese Stellen mit ihrer Stimmung zwischen Leben und Tod finde ich ungeheuer faszinierend. Sie sind perfekt für das Instrument geschrieben. Man kann sie sehr warm oder es auch sehr fahl anlegen, fast ohne Leben. Beim Piccolo kann man das Vibrato so einfädeln, dass es quasi gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Dann hat das eine Spur von Lebendigsein, aber doch nicht, von etwas dazwischen –  wie ein Schatten oder ein Leuchten aus weiter Ferne.

Fehlen Dir in Berlin die Berge?

Im Sommer sind Wandern und Kraft tanken mitten in den Bergen für mich ein Muss. Die Berge inspirieren mich – zum Beispiel bei Mahlers Achter, die wir zur Saisoneröffnung gespielt haben. Er hat viele Sinfonien in seinem Komponierhäuschen in Südtirol geschrieben. Manchmal, wenn ich seine Musik höre, verstehe ich genau, warum er etwas auf bestimmte Weise komponiert hat. Da kommen dann meine eigenen Bilder.

Mittendrin – hingehört!

In diesem Beitrag von SWR2 zu unserer Reihe „Mittendrin“ berichtet Daniel, wie besonders es ist, wenn das Publikum mitten im Orchester sitzt.

Es gibt eine ganze Reihe Mitglieder der Querflötenfamilie, die selten bis nie im Sinfonieorchester besetzt sind. Spielst Du auch eines davon?

Ich habe bisher schon Alt- und Bassflöte gespielt. Seit letztem Dezember bin ich Mitglied der „14 Berliner Flötisten“. Ihr Gründer Andreas Blau hatte nach der Wende den Gedanken, alle Flötisten aus Ost und West zusammenzubringen. Da sind dann wirklich sämtliche Instrumente der Familie vertreten, bis hin zu Kontrabass- und Subkontrabassflöte. Es macht großen Spaß. Wir spielen viele Bearbeitungen, zum Beispiel von Debussys „L’après-midi d’un faune“. Darin gibt es ja ohnehin schon das berühmte Solo. Es ist unglaublich, was für wunderbare Farben herauskommen, wenn man das Stück mit einem reinen Flötenensemble aufführt.

von Annette Zerpner

Wenn ihr Daniels Flötenspiel mal ganz ohne großes Orchester hören wollt: am 04. Oktober steht er gemeinsam mit unserem Solo-Flötisten Yubeen Kim, Konzerthaus-Flötistin Antje Schurrock und Angela Gassenhuber am Klavier auf unserer Bühne im Kleinen Saal. Auf dem Programm: Werke von Johann Sebastian Bach, Friedrich Kuhlau und Sergej Prokofjew.

Fotos: Norbert Möller, Ralf Forster, Uwe Arens (Akademie, Titelbild), Marco Borggreve (Mittendrin)