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Gut kopiert ist halb komponiert

„Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen.“ Das hat angeblich schon Picasso gesagt. Obwohl Richard Wagner später im Leben kein gutes Haar an Mendelssohn ließ, hatte er ihn früher zunächst als Vorbild gesehen und sogar seine Unterstützung gesucht. Er selbst würde es bestimmt nicht zugeben, aber wir haben für Euch fünf Stücke ausgesucht, die Wagner einfach bei Felix Mendelssohn-Bartholdy abgeguckt hat.

Schon immer haben sich Komponisten voneinander inspirieren lassen und den Stil anderer Künstler imitiert. Mozart klaute zum Beispiel die Ouvertüre zur Zauberflöte von seinem Konkurrenten Clementi.

Muzio Clementi – Klaviersonate in B-Dur Op. 24

Wolfgang Amadeus Mozart – Die Zauberflöte KV 620: Ouvertüre

 

Und das berüchtigte Lied „All By Myself“ von Eric Carmen? Eigentlich Rachmaninow.

Sergej Rachmaninow – Klavierkonzert in c-Moll Op. 18 und

„All By Myself“

Unerwiderte Verehrung

Felix Mendelssohn-Bartholdy war nur vier Jahre älter als Richard Wagner. Der jüngere Komponist bewunderte seinen älteren Kollegen. Wagner schickte damals mehrere Briefe und Manuskripte an Mendelssohn. Wünschte er sich Lob? Kritik? Vitamin-B und Weiterempfehlung? Wer weiß. Aber sein Gegenüber erwiderte Wagners Versuche leider eher kühl.

Erstmal ließ sich Wagner nicht entmutigen.  Er gab sogar zu:

„Ich wusste damals nichts Besseres zu thun, als ihn nachzuahmen, was ich freilich seitdem verlernt habe.“

Im Laufe der Zeit wurde die Geschichte jedoch immer düsterer. Nach dem Tod Mendelssohns veröffentlichte Wagner diverse Artikel, in denen er Mendelssohn angriff und seine Musik bloßzustellen versuchte.

Hierzu schreibt Horst A. Scholz im Programmheft unserer Konzerte vom 26. und 28. April genauer:

„Nach Mendelssohns Tod hat Wagner in seinem antisemitischen Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ (zunächst 1850 unter Pseudonym veröffentlicht, 1869 Nachdruck mit Nennung des wahren Autors) vollends Rache an der Übermacht Mendelssohns genommen, indem er ihm zwar große Kunstfertigkeit konzedierte, ihn aber als den umso tragischeren Fall eines um seine eigentliche künstlerische Impotenz wissenden Juden diffamierte. In Cosima Wagners Tagebüchern ist unter anderem von dem „Judenjungen“ und seiner „semitischen Aufgeregtheit“ (statt echter Herzenswärme) die Rede. Dass Wagner bei der angeblichen „Mücke Mendelssohn“ zahlreiche musikalische Anleihen machte, vertuschte das Haus Wahnfried später gern …“

Einfach geklaut

Trotz dieser bitteren Gefühle konnte Wagner seinen Respekt für Mendelssohn nicht ganz verstecken. Hier sind fünf Stücke, in denen Ihr den Einfluss deutlich hören könnt.

1. „Schottische“ Sinfonie oder Die Walküre?

Den Walkürenritt kann Wagner sicherlich niemand absprechen. Aber die Todesverkündung Siegmunds? Die klingt verdächtigt nach Mendelssohn. Obwohl die Besetzung anders ist, ist die Stimmung ähnlich und die Klangfarben sind es auch. Aber nicht nur die: strukturell ähneln sich die Melodien sehr, und die dritte Phrase der beiden Stücke ist fast identisch. Hört mal rein:

Felix Mendelssohn-Bartholdy – Sinfonie Nr. 3 in a-Moll Op. 56 (1842)

Richard Wagner – Die Walküre WWV 86B: Siegmund! Sieh auf mich! (1870)

2. Reformationssinfonie oder Parsifal?

In diesen Werken benutzen beide Komponisten das „Dresdner Amen“. Da Wagner in Sachsen aufwuchs und sogar sieben Jahre lang in Dresden lebte, können wir nicht unbedingt sagen, dass er das „Dresdner Amen“ von Mendelssohn hat. Aber nicht nur die Atmosphäre ist schon wieder ähnlich, sondern auch die Abwechslung zwischen dem feierlichen Amen und der prunkvollen Fanfare der Blechbläser. Entscheidet selbst:

Felix Mendelssohn-Bartholdy – Sinfonie Nr. 5 in D-Dur Op. 107 (1830)

Richard Wagner – Parsifal WWV 111: Vorspiel (1882)


3. Melusine oder Rheintöchter?

Wenn man diese beiden Ausschnitte direkt nacheinander anhört, könnte man denken, dass es das gleiche Stück ist. Das Motiv der Begleitung ist so gut wie identisch! Die Version von Wagner steht zwar in einer anderen Tonart und mit Streichern anstelle von Holzbläsern besetzt, aber viel weiter überarbeitete Wagner die Idee nicht.

Felix Mendelssohn-Bartholdy – Das Märchen von der schönen Melusine Op. 32 (1833)

Richard Wagner – Das Rheingold WWV 86A: Weia! Waga Woge, du Welle (1869)

4. Oratorium oder Oper?

Hier brauchen wir nicht viel Fantasie, um die Ähnlichkeiten dieser beiden Werke zu hören. Beide fangen mit genau demselben rhythmischen und harmonischen Muster an. Zufall?

Felix Mendelssohn-Bartholdy – Paulus-Oratorium Op. 36: Ouvertüre (1836)

Richard Wagner – Lohengrin WWV 75: Hört! Grafen, Edle, Freie von Brabant! (1850)

 

5. Welcher Marsch?

Es ist vielleicht Ironie des Schicksals, dass das bekannteste Werk beider Komponisten ein Hochzeitsmarsch ist. Neben dem Stil und dem rhythmischen Charakter klingt das zweite Thema der beiden Märsche wirklich zum Verwechseln ähnlich.

Felix Mendelssohn-Bartholdy – Ein Sommernachtstraum Op. 61: Hochzeitsmarsch

Richard Wagner – Lohengrin WWV 75: Treulich geführt

 

Schon Oscar Wilde schrieb: „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.“ Hört Ihr weitere Zusammenhänge zwischen Felix Mendelssohn-Bartholdy und Richard Wagner? Am 26.04. und 28.04. spielt das Konzerthausorchester unter Iván Fischer Werke der beiden Komponisten – schaut vorbei!