Allgemein, Konzerthausorchester, Musikerportrait

Von Gurkentönen und extralangen Hörnern

Launisch, übersensibel, schwierig – all diese Eigenschaften, die den Hornisten im Orchester so gern angehängt werden (ob nun zu Recht oder Unrecht müsste an anderer Stelle genauer diskutiert werden), treffen auf Andreas Böhlke, Mitglied im Konzerthausorchester seit 1989, nicht zu. Der 1965 in Thüringen geborene Musiker wurde Hornist, weil es damals das einzige Instrument im Fundus der Musikschule war; und das zeigt doch schon, worum es Andreas eigentlich geht: ums Musikmachen an sich. Das macht er inzwischen in vielen verschiedenen Bereichen. Natürlich im Konzerthausorchester, aber auch als Alphornist und als Tute Caruso.

Wer das ist? Erzählt Andreas am besten selbst:

Das bin ich! Nur mit ein bisschen Schminke, einer roten Nase und einem bunten Jackett. Ehrlich gesagt hat mich diese Geschichte mit den Klinikclowns schon immer interessiert. Aber ich hab’s dann erst einmal weggelegt, weil es ja eine richtige Ausbildung ist, die ich neben meinem Vollzeitjob als Hornist im Konzerthausorchester einfach nicht geschafft hätte. 2015 bin ich dann zufällig auf jemanden gestoßen, der das am Wochenende anbietet – da war ich natürlich sofort dabei. Seitdem bin ich als Mitglied der Potsdamer Klinikclowns auf Kinder und Jugendstationen genauso wie Palliativstationen und in Seniorenwohnanlagen unterwegs. Der Clown bündelt alle meine Talente: Ich kann Musik machen, Blödsinn erzählen, ruhig sein und einfach mal die Hand halten und auch mal eine Geschichte erfinden. Also alles, was ich so ein bisschen mitbekommen habe.

Das klingt fast ein bisschen entgegengesetzt zu deinem Job als Hornist im Konzerthausorchester.

Ich empfinde es eher als eine Erweiterung. Und ehrlich gesagt, bin ich auch als Hornist vor allem wegen dieser Lust auf Teamarbeit und den Kontakt zu den anderen weitergekommen. Ich hatte das Glück, dass ich von Anfang an, also schon in der Musikschule, mit anderen zusammengespielt habe. Das war eine echte Motivation. Mein Lehrer hat mich am Klavier begleitet, später in Weimar hatten wir ein Hornquartett und haben für ältere Menschen im Altersheim gespielt. Und als mein Probespiel fürs Konzerthausorchester war, gab es da zwei Konkurrenten, die sicherlich nicht schlechter waren, aber meine Probekonzerte im Orchester liefen wohl besser. Und am Ende hatte ich die Stelle. So war es immer. Ich habe nicht sehr viel geübt, aber immer mit anderen und für andere gespielt.

Dabei muss man doch grade beim Horn unheimlich viel für den berühmten Ansatz üben und sozusagen im Training bleiben, oder?

Wir müssen, wie alle anderen Bläser auch, darauf achten, sauber und gurkenfrei, also ohne unsaubere Töne, zu intonieren. Wir spielen ja auf Naturinstrumenten. Die haben zwar drei Ventile, mit deren Hilfe man die Länge des Instruments ändern kann, aber das meiste machen wir über die Lippenspannung und mit welcher Intensität wir die Luft in das Instrument blasen. Und so bekommen wir pro Ventil etwa 15 Töne heraus – die natürlich sauber sein sollen. Die Höhe ist mir nie leichtgefallen. Es gibt welche, bei denen klingen die hohen Töne völlig mühelos.

Aber Du hast doch auch als hoher Hornist beim Konzerthausorchester angefangen, oder?

Ja, man muss sich während seiner Ausbildung entscheiden, ob man hoher oder tiefer Hornist werden möchte, weil die Ausbildung unterschiedlich ist. Und ich hatte den Drang, mich zu profilieren, ich teile mich gerne mit. Das kann man als Solo-Hornist natürlich besser. Aber die hohen Töne fielen mir eben richtig schwer. Als dann zwei tiefe Stellen hier im Konzerthausorchester frei wurden, habe ich die Chance genutzt, noch einmal Unterricht genommen und dann gewechselt.

Dann bist du also eher der Typ für die tiefen Töne? Dann passt ja das Alphorn wie die Faust aufs Auge, oder?

Das Alphorn spielt sich genauso wie das Horn. Es hat nur eine größere Mensur, das bedeutet, dass das Rohr sehr viel schneller weiter wird als beim Horn. Und für mein Alphorn habe ich sogar noch eine Verlängerung, damit ich noch einen Halbton tiefer, also die Naturtonreihe in Es, spielen kann. Dann ist das Alphorn nicht mehr nur 3,70 Meter lang, wenn ich es ausrolle, sondern stolze 4 Meter!

 

Das klingt nach einem Hobby mit echtem Gesprächsaufhänger-Potenzial!

Auf jeden Fall, da gibt’s immer viele Fragen und Interesse. Die Kinder dürfen dann auch mal darauf spielen. Es ist einfach ein tolles Kommunikationsmittel, als was es ja ursprünglich in den Alpen auch genutzt wurde.

Und damit kommt es deinem Ansatz, für andere zu spielen, um mit ihnen in Kontakt zu kommen, ja sehr nahe. Nimmst Du das Alphorn auch mit, wenn Du als Klinikclown unterwegs bist?

Klar! Der Clown und Andreas, die decken sich da in der Hinsicht, sie sind beide Musiker und ein bisschen Entertainer. Das macht ja die Persönlichkeit aus. Ich mache den Beruf gerne und gebe davon viel in den Clown. Da decken sich dann meine Person und die Aufgaben- nur das ich als Clown den Auftritt in dem Sinne nicht proben kann, sondern versuche das Thema zu spielen, was sich eben ergibt. Wenn ein Klinikclown nur sich selber spielt, ist das nicht so gut .
Letztendlich machen wir etwas für den Moment. Das ist die Unterhaltung – wie auch im Konzert. Wir hoffen natürlich, dass es dann noch nachwirkt. Genauso als Clown. Dann sagen die Krankenschwestern vielleicht, dass Frau X heute seit langem wieder ein Lächeln auf den Lippen oder dass der Kleine F. keine Angst mehr vor seiner OP morgen hat.

Du trittst ja auch im Konzerthaus manchmal als Tute Caruso auf, zusammen mit Christine Mellich, unserer Kollegin aus dem Junior-Bereich. Wie ist dein Ansatz da?

Da ist Christine eigentlich der weiße Clown, also der, der sich mit dem Publikum verbündet und ernster ist. Und ich bin der rote Clown, der komisch ist und Fragen stellt, die sich das Publikum vielleicht gar nicht getraut hätte, zu stellen. Die Kinder spüren meine Neugier und werden dadurch selbst neugierig. Wir möchten einfach, dass sie hier mit uns eine gewisse Zeit haben, in der wir zusammen etwas erleben.

Wenn du dann in solchen Proben für Schulgruppen wieder als Hornist zurück ins Orchester gehst, bist du dann noch Tute?

Ich setze den Hut ab, aber lasse das Jackett an. Denn ich glaube, dass es für die Kinder ganz schön ist, zu sehen, dass ich dann auch da noch sitze, der Clown von vorhin, aber ein bisschen anders. Für viele Kinder ist es natürlich auch anstrengend, die Probe durchzuhalten, da hilft dann vielleicht so ein Anker, ein Anknüpfungspunkt, an den sie sich währenddessen halten können. Für mich ist es kein Problem, wenn welche mal rausgehen und sagen: Naja, mir war langweilig. Das ist so, geht uns Erwachsenen ja auch mal so. Ich akzeptiere aber nicht, wenn jemand rausgeht und sagt: Das ist scheiße, hier geh ich nicht mehr hin. Das würde mich verletzen. Ich möchte den Kindern zeigen, dass sie hier in Ruhe Musik hören können, ohne gestört zu werden, mal mit den Gedanken abdriften, träumen können. Das ist so ein schönes Gefühl und genau dafür sind wir auch da.

 

Übrigens: wir haben Andreas in unserer Webserie #doppeltgefragt ein paar ziemlich spannende Fragen gestellt – schaut doch mal rein!

von Luisa Aha und Renske Steen

Fotos: Sebastian Höhn, Marco Borggreve, Uwe Arens, Oliver Lang

Andreas‘ Clownspartnerin ist Helga Schimonsky alias „Frl. Cloudine“