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#musicmonday No 7

Am #musicmonday bekommt Ihr von uns die Extraportion Musikwissen! Diese Woche stehen beim Konzerthausorchester zwei Komponisten auf dem Programm, die eine große gegenseitige Bewunderung verband: Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch. Unser Dramaturg Andreas Hitscher hat sich die besondere Beziehung zwischen den beiden genauer angeschaut.

Schostakowitsch_Dmitri_mit Kurt Sanderling_Foto_Konzerthaus_Berlin_Archiv

Schostakowitsch mit unserem Ehrendirigenten Kurt Sanderling

 

Dmitri Schostakowitsch aus Sankt Petersburg war ein Shooting Star. 1926 erlebte in seiner Heimatstadt, die da schon Leningrad hieß, seine Erste Sinfonie ihre Uraufführung. Das Werk, das er mit 19 als Abschlussarbeit des Studiums am Konservatorium geschrieben hatte, verhalf ihm zu Bekanntheit nicht nur im Sowjetland, sondern bald auch in Westeuropa und sogar in den USA. Kam sein Opernerstling „Die Nase“ 1930 eher mäßig an, sorgte „Lady Macbeth von Mzensk“ vier Jahre später erneut für Furore. Der Quasi-Doppelpremiere in Leningrad und Moskau folgten schnell Inszenierungen in Cleveland, New York, Philadelphia, Stockholm, Zürich und eine konzertante Aufführung in London.

Letztere besuchte im Frühjahr 1936 ein junger Mann namens Benjamin Britten. Er stammte aus dem ostenglischen Hafenstädtchen Lowestoft, hatte 1930 ein Studium am Royal College of Music in London begonnen und ging auch schon daran, mit ersten viel beachteten Kompositionen die Prophezeiung seiner Mutter in die Tat umzusetzen: Das B von Britten, so war sie überzeugt, würde sich eines Tages als viertes zu B(ach), B(eethoven) und B(rahms) gesellen. Britten war schwer begeistert von der Oper des sieben Jahre Älteren und schrieb in einer Kritik:

„Eine äußerst bewegende und aufwühlende Arbeit eines wirklich inspirierten Genius.“

In Schostakowitschs Heimat aber war drei Monate zuvor leider jemand ganz anderer Meinung gewesen. Und da der Josef Stalin hieß, titelte die „Prawda“, die Regierungszeitung: „Chaos statt Musik“. Die Oper verschwand von den Spielplänen; Schostakowitsch saß auf gepackten Koffern und wartete, ob die Schergen kämen, ihn in eins der Lager zu holen. Es waren die Jahre der „Säuberungen“, des tödlichen Terrors. Nur langsam – und nicht ohne Selbstverleugnung – rehabilitierte er sich. Doch ohne Wenn und Aber wusste er, wo im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie die Russen den Zweiten Weltkrieg nannten, sein Platz zu sein hatte.

Zum Reinhören! Hier findet Ihr eine Auswahl der Werke, die im Text erwähnt werden.

Ein bekennender Pazifist

Britten war im April 1939 vor den drohenden Wolken, die sich über Europa zusammenbrauten, mit seinem Lebenspartner Peter Pears, der übrigens ’36 bei der Londoner „Lady Macbeth“ mitgesungen hatte, zunächst in die USA geflohen. 1942 kehrte er zurück nach England, verweigerte aus Gewissensgründen zwar den Dienst mit der Waffe, spielte dafür ohne Gage vor Menschen, die unter dem Krieg besonders litten. Jahre später sollte es dann im „War Requiem“ des bekennenden Pazifisten heißen: „Ich bin der Feind, den du erschlugst, mein Freund …“

Nur Kollegen…

Schostakowitsch – das hat der Cellist Mstislaw Rostropowitsch berichtet – hielt das „War Requiem“ für das größte Werk der Gegenwart. 1969 widmete er seine eigene 14. Sinfonie, die illusionslos um das Thema „Tod“ kreist, dem englischen Kollegen. Da kannten sich die beiden auch schon längere Zeit persönlich, hatte es Treffen in England und in der Sowjetunion gegeben. Bei einer dieser Gelegenheiten, Ende 1966, faszinierte Britten in der Leningrader Eremitage ganz besonders Rembrandts Gemälde „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“. Seine dritte Kirchenoper „The Prodigal Son“ („Third parable for church performance“ und „To Dmitri Shostakovich“ steht auf den Noten) verdankte sich dieser Initialzündung und wirft Fragen nach Verführung, Schuld und Vergebung auf.

…oder doch Freunde?

Britten und Schostakowitsch Freunde zu nennen, geht vielleicht zu weit – dafür trennte sie dann doch mehr als „nur“ der „Eiserne Vorhang“. Aber sie schätzten sich und waren Verwandte im Geiste. Kurz vor seinem Tod erklärte Schostakowitsch in einem Artikel:

„Ich würde gerne mehr Brittens sehen; englische, russische, deutsche und aus verschiedenen Generationen. Was fasziniert mich an ihm? Die Kraft und Aufrichtigkeit seines Talents, die scheinbare Einfachheit und die gleichzeitige Intensität der emotionalen Wirkung der Musik.“

Am 15., 16. und 17. März spielt das Konzerthausorchester unter der Leitung von Michael Sanderling mit Dmitri Schostakowitschs Zehnter Sinfonie von 1953 ein Werk, das – wenige Monate nach Stalins Tod geschrieben – viel von Zeitkommentar und Selbstreflexion oder auch von „Tragödie und Beichte“ hat, wie es eine Musikwissenschaftlerin formulierte. Davor ist Daniel Hope Solist in Brittens Violinkonzert von 1939. Hier hat sich ebenfalls die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben: Der Komponist begann es auf der Überfahrt nach Amerika, und die zahlreichen spanischen Anklänge lassen sich nicht zuletzt als Hommage an die internationalen Verteidiger der Madrider Volksfrontregierung hören.

von Andreas Hitscher

Fotos: Marco Borggreve (Titelfoto), Konzerthaus Archiv (Schostakowitsch und Sanderling)