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9 km Zahnseide

Eigentlich sieht es ja ziemlich einfach aus: Die Schlagzeuger, die da ganz hinten auf der Bühne im Orchester sitzen, hauen auf ihre Trommeln, klingeln mit der Triangel oder schrecken mit den großen Becken das halbe Publikum auf. Dafür muss man eigentlich nur zählen können, damit man nicht zu früh oder zu spät spielt, oder? Weit gefehlt! Beim Gespräch mit unserem Solo-Pauker Michael Oberaigner wird schnell deutlich, wieviel Wissen, Expertise und vor allem Können hinter dem Beruf des Schlagzeugers steckt. Allein die vielen hundert verschiedenen Schlägel, die es gibt! Wir haben Michael und seinem Schlägelbauer Jason Ginter über die Schultern geschaut.

Wie bist du Schlagzeuger geworden, Michael?

Michael: Ich bin in Tirol aufgewachsen, da gibt es so viele Blaskapellen. Mein Vater hat in einer gespielt, meine beiden Brüder auch. Als Kind hat es mir da hinten am besten gefallen, da war immer etwas los, es ging mächtig ab. Da wollte ich auch mitmischen. Irgendwann fingen meine Brüder dann an, in Orchestern zu spielen – und ich kam einfach hinterher. Und warum es dann Pauke geworden ist? Naja, das ist so ein bisschen wie in der Leichtathletik, man merkt beim allgemeinen Training irgendwann, wofür man ein besonderes Talent hat. Im Studium habe ich auch erst alle Schlaginstrumente gelernt, aber ziemlich schnell festgestellt, dass Pauke mein Ding ist.

Dass Michael alle anderen Schlaginstrumente ebenfalls beherrscht, seht ihr bei #klangberlins:

Kannst Du kurz erklären, wie eine Pauke funktioniert?

Michael: Es gibt unterschiedliche Systeme: Bei den alten Pauken muss man mit einem extra Schlüssel an jeder einzelnen Schraube ziehen, um das Fell auf der Pauke zu straffen oder zu lockern. Das dauert lange und es ist vor allem sehr schwierig, um die genaue Tonhöhe zu erreichen. Da man bei Mozart und vor allem Beethoven aber schneller die Töne ändern muss hat man Kurbelpauken entwickelt die ihre Tonhöhe durch drehen einer Kurbel verändern. Dabei unterscheidet man zwischen der Wiener Pauke, bei der der Kessel nach oben oder unten gegen das Fell gedrückt wird und den deutschen Kurbelpauken bei denen das Fell unterschiedlich fest über den fixierten Kessel gezogen wird. Und dann gibt es noch die Pauken, bei denen man mithilfe eines Fußpedals den Rahmen, in dem das Fell gespannt ist, nach oben oder unten bewegt. Praktisch, weil man dann die Hände freihat.

Klingt nach einer Menge Stimmerei!

Michael: Tja, das ist wirklich ein großer Teil meines Jobs, die Vorbereitung auf vielleicht nur einen einzigen Ton. Die Naturfelle, die wir im Konzerthaus für die Pauken verwenden, sind sehr anfällig für Luftfeuchtigkeit. Sie können sich daher schnell verziehen und müssen häufig während des Konzertes nachgestimmt werden, damit auch der Ton am Ende rauskommt, der in den Noten steht. Das ist übrigens auch der Grund wieso ich mich so oft über die Instrumente beuge.

Ginge das auch irgendwie einfacher?

Michael: Klar, man könnte sich da auch Pauken mit Plastik- statt mit Naturfellen hinstellen. Die stimmt man einmal vor und sie halten das ganze Stück. Aber es klingt dann eben auch ein bisschen nach…naja, Plastik eben.

Wie sieht es denn mit den Schlägeln aus? Sind die auch so empfindlich wie die Pauken?

Michael: Ein Paar hält, wenn es gut gebaut ist, bis zu 40 Jahre. Natürlich ist das nur der Stiel und der Kern, die so alt werden können. Das Äußere, das in Kontakt mit dem Instrument kommt, muss man austauschen – ungefähr alle zwei Jahre. Es gibt Kollegen, die machen das selbst. Aber ich habe weder das Talent noch die Zeit und vor allem Geduld nicht. Zum Glück kenne ich Jason, der das für mich macht, einer der großen Schlägelspezialisten. Er lebt in den USA und kommt meistens einmal im Jahr nach Europa. Dann treffen wir uns und er erneuert bei Bedarf in wenigen Stunden meine Schlägel. Er ist ja gerade zufällig auch hier.

Was für Materialien nutzt Du, Jason, für Deine Schlägel?

Jason: Es gibt ganz unterschiedliche Materialien: Schafswolle, Klavierfilz, Kork. Je nach dem, welchen Klang wir erreichen wollen, entscheiden wir uns für ein Material in einer bestimmten Ausführung. Dünner Filz aus Schafswolle ergibt einen härteren Klang, synthetischer Kork, wie man ihn von Weinflaschen kennt, klingt anders als natürlicher Kork. Die Basis ist meist Bambus-Rohr aus China, das mehrere Wochen trocknet und dann gepaart wird.

Und wie geht es dann weiter? Zeig mal!

Jason: Wir benutzen Zahnseide, um den Mantel auf den Kern zu fixieren. Die ist aus Baumwolle und gewachst, weswegen sie von allein aufeinander klebt und vor allem eine hohe Reißfestigkeit besitzt. Letztens habe ich umgerechnet fast 9 km Zahnseide bei einem Fachhandel bestellt, die haben schon ein bisschen komisch geguckt.

Oh, das glaube ich!

Jason: Es gibt außerdem verschiedene Arten zu nähen: den „rounding stitch“, „overhang stitch“, „euro stitch“ – alle klingen unterschiedlich.

Michael: Für mich ist es wirklich toll, jemanden wie Jason an meiner Seite zu haben. Denn er ist nicht nur Schlägelbauer, sondern er hat selbst Schlagzeug studiert, er ist Pauker. Wenn ich ihm mein Klangideal beschreibe, weiß er genau, mit welchen Materialien und mit welcher Technik er es erreichen kann.

Wie viele verschiedene Schlägel hast du insgesamt?

Michael: Ungefähr 150.

Wow! Und die klingen alle unterschiedlich?

Michael: Total! Mit Jason arbeite ich grade an einer neuen Serie. Es gibt ja schon eine mit meinem Namen bei JG Percussion, der Firma von Jason. Ich sammle nämlich historische Paukenschulen. Darin sind Zeichnungen von Schlägeln, die ich so interessant finde, dass ich Jason bitte, sie mir nachzubauen. Es gibt zum Beispiel den berühmten Schwamm-Schlägel, bei dem eine Holzscheibe in einen Schwamm gewickelt und dann mit Stoff bespannt wird. 1810 hat Hector Berlioz als erster Komponist genau so einen Schlägel in seiner Partitur verlangt. Bis dahin hatten alle Schlagzeuger immer selbst entscheiden können, womit sie spielen.

Kann eigentlich auch was schief gehen?

Michael: Klar! Schlägelköpfe können abfliegen, Stiele bersten. Alles schon vorgekommen – allerdings noch nie mit Schlägeln, die Jason für mich gebaut hat.

Jason: Puh, Glück gehabt!

Hast du ein Ritual vorm Konzert?

Eigentlich nicht. Wir sitzen in unserem Stimmzimmer, plaudern noch nett. Ich checke aber auf jeden Fall noch mal, dass die Schlägel auf der Bühne sind und dass ich meine Fliege trage. Ist mir nämlich schon mal passiert, dass ich ohne auf die Bühne gegangen bin.

Gibt’s dann Ärger?

Nein, aber natürlich bemühe ich mich, mich den Vorschriften gemäß zu kleiden. Und dann gehe ich eigentlich immer vor dem Konzert noch einmal auf die Bühne und schaue, wie die Lage so ist. Wenn ich dann eine halbe Stunde später wiederkomme, weiß ich, ob es trocken oder schwül ist. Und dann weiß ich auch, wie ich mit den Pauken umgehen muss, ob es jetzt Spaß macht oder doch eher….

…anstrengend wird. Vielen Dank fürs Gespräch, Michael! Und auch Dir, Jason!

von Luisa Aha und Renske Steen

Fotos: Marco Borggreve (Titelbild, Konzertfotos), Luisa Aha