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Ganz schön viel Handarbeit!

Wer Oboe spielt, muss nicht nur üben-üben-üben, sondern auch dritteln, kürzen, hobeln, schaben und vieles mehr. Michaela Kuntz, seit 1998 eine der beiden Solooboistinnen des Konzerthausorchesters, hat uns erzählt, was dazugehört, um die „High Maintenance“-Diva des Orchesters zu beherrschen.

Steckt hinter Deiner Oboenkarriere eine Blockflötenvergangenheit?

Als ich drei Jahre alt war, hat mein Vater begonnen, mich auf der Sopranino-Blockflöte zu unterrichten. Er ist kein Musiker, sondern Maler, spielt aber selbst mehrere Instrumente und ist sehr musikalisch. Als 5- oder 6-Jährige habe ich manchmal 3 Stunden am Tag geübt. Auf den kleinen Flöten sieht man die Abdrücke meiner Milchzähne, da habe ich aus Wut schon mal zugebissen, wenn es nicht ging! (Lacht) Durch die Grunddisziplin von damals weiß ich aber einfach, wie man übt, das hat mir viel gebracht. Als ich 8 oder 9 war, sollte ich mich zwischen Oboe und Querflöte entscheiden. Da war sofort alles klar, denn die Oboe wirkte so vertraut. Dass ich hauptberuflich Musikerin werden sollte, war aber trotz der Förderung nie der Wunsch meiner Eltern.

Was haben sie noch gemacht?

Meine Mutter, die keine Musikerin ist, hat von meiner allerersten Lehrerin tatsächlich für mich Rohrbau gelernt. Ich kam meistens gut zurecht auf ihren Rohren – wenn nicht, hab’ ich die einfach umgeknickt. Das war für sie immer schockierend. Wertgeschätzt habe ich das erst, als ich es selber gemacht habe (lacht) – nachdem ich mit 13 oder 14 während der Ferien im Allgäu täglich acht Stunden in einen Rohrbaukurs gegangen bin.

Im Gegensatz zu Horn oder Trompete sind die „Mundstücke“ der Oboe Verschleißteile und müssen aus Schilfrohr immer wieder neu gebaut werden. Was braucht man außer einem ziemlich umfangreichen Spezialistenwerkzeugkasten noch?

Geschicklichkeit und eine gewisse feinmotorische Begabung, würde ich sagen. Und Frustrationstoleranz, denn das Ausgangsmaterial ist ein Naturprodukt und damit immer wieder anders. Selbst wenn man die einzelnen Schritte technisch beherrscht, kann es sein, dass das, was aussieht wie ein Rohr, nicht so klingt. Man kann zwar Rohre in verschiedenen Fertigungsschritten kaufen und den Prozess abkürzen. Ich mache immer alles selber und baue inzwischen sogar in Albanien eigenes Schilfrohr an. Es muss allerdings noch 2 Jahre reifen, bevor ich damit arbeite.

 

 

Gibt es keine Erfindung, die Euch das Leben leichter macht?

Ich würde sagen, die gibt es nicht. Rohre aus Plastik eigen sich meiner Meinung nach nur fürs Techniküben, wenn andere zu schade sind. Viele von uns haben so eines als Notnagel im Kästchen drin, für den Fall, das sonst nichts geht. Würde ich meine Rohrschachtel vergessen und ein Kollege würde mir ein Rohr leihen, wüsste ich auch nicht, ob ich darauf zurechtkäme. Es ist einfach extrem individuell. Ich baue für meinen Ansatz, meine Anatomie und meinen Mundraum. Das Klangbild jedes Oboisten ist unterschiedlich, aber alles steckt in den 10 oder 11 mm dieser geschabten Bahn des Rohrs. Auf viele äußere Einflüsse reagiert es außerdem sehr empfindlich und muss immer wieder nachbearbeitet werden.

Brauchen Oboisten mehr Luft als andere Holzbläser?

Wir brauchen viel Luft, aber wir kriegen sie leider nicht so einfach los: Die zwei schmalen, gegeneinander schwingenden Rohrblätter mit ihrer kleinen Öffnung machen Oboisten das Leben schwerer als anderen Holzbläsern. Bei uns staut sich das Kohlendioxid, daher haben wir eher einen roten Kopf als die Flötisten. Junge Oboenspieler kippen manchmal um, wenn sie nicht von Anfang an eine gute Atemtechnik und das sogenannte „Abatmen“ lernen – ohne kann man nicht bis ins Rentenalter spielen.

Geigerinnen oder Cellisten sind oft besonders glücklich, wenn sie ein mehrere hundert Jahre altes Instrument spielen können. Wie ist das bei Euch?

Eine Oboe ist schon nach etwa fünf bis sechs Jahren „ausgespielt“ und man sollte sich eine neue zulegen! Man hat es bei Oboen mit einem schleichenden Klangverlust zu tun. Und wenn der notwendige Widerstand, den man für einen schönen Klang braucht, nicht mehr im Instrument steckt, muss man ihn in die Rohre hineinbauen. Die werden dann wiederum sehr schwer zu spielen.

 

Woran liegt es, dass Oboen ihren Zenit so schnell überschritten haben?

Ihr Holz verändert sich ständig mit der Luftfeuchtigkeit. Innen im Instrument ist es warm und feucht, außen ist der Saal – zum Beispiel wegen einer Klimaanlage – kalt und trocken. Deshalb muss man ganz oft durchwischen. Die Spannung auf dem Holz ist ohnehin sehr groß, weil die Oboe im Vergleich zu allen anderen Instrumenten die meiste Mechanik und damit auch die meisten Bohrungen hat. Ich habe noch nie gehört, dass ein Fagott oder eine Klarinette gerissen sind. Bei Oboen passiert das jedem Musiker mal.

Dir auch?

Mir ist eine neue Oboe einmal mitten im Konzert zwischen dem letzten Tutti und den allerletzten 9 Takten gerissen, in denen ich ein leises hohes Solo spielen sollte. Es kam nur Gefiepe! Dann sitzt man da mit rotem Kopf und geht danach sofort zum Oboenbauer. Selbst wenn man vorher alles ganz genau überprüft hat – ein Restrisiko bleibt!

 

 

Text: Annette Zerpner, Bilder: Luisa Aha und