Allgemein, Konzerthausorchester

Best of Iván Fischer

Ivan Fischer Photo: Marco Borggreve

Nach sechs Jahren gibt Iván Fischer den Chefdirigentenstab des Konzerthausorchesters weiter,  um sich noch stärker seinem kompositorischen Werk zu widmen. Hier ein kleiner Rückblick auf sechs phantastische, vielseitige, spannende Jahre, in denen er Orchester, Haus und natürlich unser Publikum immer wieder auf großartige Weise überrascht hat.

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Fischers Rückkehr als Ehrendirigent

Zum Glück haben wir auch einen Ehrendirigentenstab – den übernimmt Iván Fischer und kehrt in der kommenden Saison für vier Konzerte samt „Mittendrin“ und die Uraufführung seiner Kinderoper „Der Grüffelo“ nach dem bekannten  gleichnamigen Bilderbuch zurück an den Gendarmenmarkt. Neben dem von ihm komponierten „grotesk-lyrischen“ Einakter „Die rote Färse“ (2014 ) brachte Iván Fischer bei uns schon zwei Mozart-Opern auf die Bühne. 2013 inszenierte und dirigierte er „Die Hochzeit des Figaro“ und 2016 „Die Zauberflöte“.

„Ich möchte mich nicht wiederholen. Das wäre furchtbar.“

Zu den vielen Ideen, die Iván Fischer in seiner Zeit als Chefdirigent am Konzerthaus Berlin umgesetzt hat, gehört die Konzertreihe „Mittendrin“, bei der das Publikum im Orchester neben den Musikern Platz nimmt und so der Musik ganz nah kommt – ein Novum, über das weltweit berichtet wurde, das andere Häuser inzwischen aufgegriffen und für das die Parkettkarten immer schnell ausverkauft sind. Bei „Mittendrin“ zur Eröffnung des „Festival Baltikum“ im Februar 2018 beeindruckte das Gespräch zwischen Iván Fischer und dem großen, oft als scheu beschriebenen estnischen Komponisten Arvo Pärt das Publikum besonders.

Immer für eine Überraschung gut

Überraschungskonzerte, bei denen Iván Fischer das Programm immer erst von der Bühne aus ansagte, waren eine weitere Neuerung. 2014 stand bei einem davon ein Baum mitten im Orchester, das um einen Käfig voller Singvögel erweitert wurde. Dass sie ihre Sache sehr gut gemacht haben, zeigt ein Video – aufgenommen mit einer Kamera, die Iván Fischer bei der öffentlichen Probe vor der Brust trug.

Iván FIscher_Ueberraschungskonzert_Credit_Thomas_Rosenthal (3)

Immer wieder gab es im Lauf der Jahre musikalische und menschliche Situationen, in denen er uns mit seiner Spontanität, seiner Offenheit und seinem Humor überrascht und gerührt hat. Zum Beispiel nach einem Konzert mit Geigerin Patricia Kopatchinskaja, Artist in Residence der Saison 2016/17:

„Patricia saß am Bühnenrand, für Iván Fischer war ein Klavier hereingerollt worden. Sie spielten Ragtime, Tango und Bossa Nova – die Chemie stimmte einfach. In dieser Spontanität und Spielfreude war das einmalig.“ Intendant Sebastian Nordmann

Und auch mit Sportlern „kann“ Iván Fischer, wie sich Anfang 2016 bei einer gemeinsamen Kampagne mit Hertha BSC und ihrem Cheftrainer Pál Dardai herausstellte: Die ungarischen Landsmänner hatten sofort einen ausgezeichneten Draht.

Sitzordnungen sind bei Iván Fischer nicht automatisch „gesetzt“ –  oft hat er für seine eigenen Klangvorstellungen etwa einzelne Bläser nach vorne zwischen die ersten Streicherpulte geholt oder in der am Haus als „Iván-Fischer-Aufstellung“ bekannten Formation die imposant auf dem obersten Podest aufgefächerten Kontrabässe das Konzerthausorchester regelrecht umarmen lassen. Und warum soll der Chor Beethovens Ode „An die Freude“ nicht aus dem Parkett heraus singen und so augenfällig machen, dass die darin ausgedrückten Gefühle mitten unter uns ausbrechen können? Dieses ungewöhnliches Stilmittel begeisterte Publikum und Mitwirkende bei seiner Interpretation der 9. Sinfonie im Mai 2018.

Dirigent, Mensch und Humanist

Am 18. 08.1989 dirigierte Iván Fischer das Budapest Festival Orchestra bei einem Konzert in seiner Heimatstadt, zu dem er 400 DDR-Flüchtlinge einlud. Nach diesem Impuls gelang vielen von ihnen beim Paneuropäischen Picknick am Tag darauf die Flucht von Ungarn nach Österreich. Auch am Abend der Saisoneröffnung 2015/16 am 04.09.2015 wurde deutlich, dass Iván Fischer sich immer der Menschlichkeit verpflichtet fühlt. Angesichts der besorgniserregenden Situation zahlreicher in Ungarn festsitzender Flüchtlinge wandte er sich in einem humanitären Appell an die Öffentlichkeit.

Am 01.03.2016 gaben Iván Fischer und das Konzerthausorchester gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle und der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim ein kostenloses Willkommenskonzert für Flüchtlinge und Helfer in der bis auf den letzten Platz gefüllten Philharmonie.

Nicht weniger beeindruckend waren Konzerte für autistische Kinder und ihre Familien, die Iván Fischer gemeinsam mit dem Konzerthausorchester konzipierte. Wichtig war ihm, den durch Autismus sogar innerhalb der Familie isolierten Kindern eine Möglichkeit zu bieten, etwas zusammen mit ihren Geschwistern zu erleben, was für alle Kinder wertvoll ist.

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Iván Fischer blickt in die Zukunft. Mit der Technik des 21. Jahrhunderts geht er gelassen um: Schon die zweite VR-Brille in seiner Zeit als Chefdirigent!

Konzerthaus Berlin 2014-2015 Photo: Marco Borggreve

Wir wünschen ihm und uns noch viele bewegte wie ruhige musikalische Momente und freuen uns auf die erste Saison mit unserem Ehrendirigenten Iván Fischer!

von Annette Zerpner

Fotocredit: Marco Borggreve (Headerfoto, Patricia Kopatchinskaja, Mittendrin, Casino), Stephan Pramme (Die rote Färse), Uwe Ahrens (Die Zauberflöte), Iko Freese (Die Hochzeit des Figaro), Markus Werner (Fischer und Pärt), Thomas Rosenthal (Überraschungskonzert), Norbert Möller (Konzerte für autistische Kinder), Luisa Aha (VR-Brille)