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„Pelleas und Melisande“: ein musikalischer Eisberg

Langrée_Pelleas und Melisande

Es war erst ein Theaterstück von Maurice Maeterlinck, dann eine Oper. Aber nicht nur Debussy sondern auch Arnold Schönberg haben sich an diesem Stoff versucht. Das Resultat: „Pelleas und Melisande“ – Sinfonische Dichtung op. 5. Unter der Leitung des französischen Dirigenten Louis Langrée spielt das Konzerthausorchester das selten aufgeführte Werk am 18. und 19. Mai im Konzerthaus. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten.

Schönbergs Werk ist eine sinfonische Dichtung. Was genau bedeutet das?

Es gibt zwei große Orchesterarten: Opernorchester und Konzertorchester. Bei Musikern, die im Graben spielen, zählt immer zuerst das Schauspiel. Sie drücken Emotionen aus und schaffen eine musikalische Atmosphäre. Die Musiker in Konzertorchestern achten viel mehr auf Klang und Struktur eines Werkes, wie zum Beispiel einer Sinfonie. Eine sinfonische Dichtung verlangt Klang, Struktur und will Atmosphäre schaffen. Das ist wie eine Oper ohne Worte. Die Musiker sind die Schauspieler, aber sie müssen sich auch an die Struktur der Musik halten. Das macht eine Tondichtung aus.

Was ist für Sie das Besondere an dem Werk?

„Pelleas und Melisande“ ist ein ein Stück voller Geheimnisse und sehr symbolistisch! Hier spricht man nur in Symbolen. Nicht nur in der Handlung sondern auch in der Musik. Man muss gewissermaßen zwischen den Zeilen lesen, um alles verstehen zu können. Stell dir einen Eisberg vor: Man kann nur ein kleines Stück Eis oben sehen aber man muss fühlen, dass sich darunter etwas Riesengroßes verbirgt.

Woher stammt der Begriff „Symbolismus“?

Der Begriff kommt vor allem aus dem Theater, aber auch aus der Dichtkunst und der Malerei. Es geht beim Symbolismus nicht in erster Linie darum, was man sagt, sondern was man nicht sagt. Man muss immer zwischen den Zeilen lesen. Schönbergs Quellen sind aber nicht nur symbolistisch, er war auch inspiriert von Wagner. In der Tonalität erinnert Schönberg auch an Wagners „Tristan und Isolde“, überschreitet dabei aber bereits die Grenzen des Bekannten bis hin zur beinahe Auflösung der Tonarten.

Was ist bei einer sinfonischen Dichtung anders an der Arbeit mit dem Orchester?

Die Besonderheit liegt in der sinfonischen Dichtung selbst, denn sie ist eine Mischung aus Sinfonie und Oper. Man muss die Balance zwischen der Struktur in der Musik und wo sind wir gerade in der Geschichte?“ finden. Die Musiker spielen nicht nur die Musik. Das ist nicht nur Musik für die Musik und Kunst für die Kunst. Sie sind auch die Dichter und Dramaturgen, quasi halb Musiker aber auch halb Schauspieler. Jede Figur hat, wie in der Oper, ein eigenes musikalisches Motiv. Spannend daran ist, dass sich diese Motive im Stück verwandeln. Sie tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder, werden mal laut und mal leise gespielt. Dadurch hat jede Szene eine unterschiedliche Stimmung und Charakter.

Sie erzählen das so begeistert, ist das Stück eines Ihrer Lieblingswerke?

„Pelleas und Melisande“ von Schönberg ist mein Lieblingsstück! Leider gibt es so wenige Dirigenten, die das Stück dirigieren und fast kein Orchester, das es spielt. Jeder sollte aber dieses Stück einmal gehört haben. Umso dankbarer bin ich, dass wir dieses Meisterstück jetzt gemeinsam aufführen, das macht das Konzerthausorchester zu meinem Lieblingsorchester (lacht). Jedes Mal, wenn ich das Werk studiere, finde ich mehr und mehr und mehr, es gibt kein Ende: The better you know a piece, the more you discover.

Wenn Ihr diese seltene Chance nicht verpassen wollt: das Konzerthausorchester und Louis Langrée spielen „Pelleas und Melisande“ am  am 18. und 19. Mai um 20.00 Uhr.

Gastbeitrag von Georg Benger und Luci Werner

Fotos: Georg Benger, Luisa Aha

Audio: Luci Werner