Festival Baltikum

Maarja Nuut: Immer im Jetzt

Tradition und Modernität, folkloristisches Fiddle-Spiel und elektronische Tanzmusik, festgelegte Melodien und Improvisation, Ruhe und Rausch. Maarja Nuut vereint, was auf den ersten Blick gegensätzlich scheint. Wir stellen euch die außergewöhnliche estnische Geigerin und Sängerin vor.

„Ich liebe Kontraste“

Maarja Nuut wurde 1986 im Norden Estlands nahe der baltischen Küste geboren. Durch ihre Mutter, eine Chorleiterin, fand sie schon früh zur klassischen Musik. Sie studierte in Tallinn, Tartu und Stockholm Geige und fand schnell heraus, dass das klassische Violinenspiel ihr nicht genug war. Gegensätze zogen sie schon immer an:

„Ich liebe Kontraste. Natürlich inspiriert mich die Landschaft, in der ich aufgewachsen bin, und die See. Aber ich bin auch ein großer Fan schmutziger und hektischer Orte, von New York und Electronic Dance Music.“

Sie wollte mit ihrer Geige experimentieren, ihrer Intuition folgen, verschiedene Musikformen miteinander verschmelzen und etwas Neues erschaffen. So kam sie auf das Fiddle-Spiel.

Die Geige ohne Regeln

Die Fiddle, abgeleitet von der englischen Übersetzung des mittelalterlichen Worts Fidel, bezeichnet an sich eine normale Violine, die aber stilistisch und spieltechnisch anders gehandhabt wird. Grundsätzlich gibt es beim Fiddlespiel kaum Regeln. Der Fiddler kann seine Geige konventionell unterm Kinn halten, aber auch in der Armbeuge oder schräg nach unten ohne Kinnkontakt. Diese Haltung ermöglicht dem Fiddler gleichzeitig zu singen. Auch die Bogenhaltung kann vom klassischen Geigenspiel abweichen. Hauptsache rhythmisch, schnell und ausgelassen.

In fast allen Ländern spielt die Fiddle in der traditionellen Folkmusik eine Rolle. So auch in Maarja Nuuts Heimatland Estland. Dort gibt es eine lange Volksmusiktradition, die regelmäßig mit großen Festen gefeiert wird. Bis zu 40.000 Teilnehmer ziehen diese Lied- und Tanzfeste an und sie stehen seit 2008 sogar auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Tradition und Modernität

„Ich fühle mich überhaupt nicht von Traditionen eingeengt“, sagt Maarja Nuut. Sie will die Tradition der estnischen Fiddler nicht nur fortführen, sondern neu beleben und weiterentwickeln.

„Traditionelle Musik bleibt nicht von selbst am Leben. Sie ist kraftvoll, wo man die Person dahinter sehen kann, die von einem inneren Bedürfnis angetrieben wird, etwas auszudrücken.“

Und das tut sie: Maarja Nuut mischt Geigenspiel und Stimme mit moderner Elektronik und schafft mithilfe einer Loop-Station einen Klang, der gleichzeitig lebhaft und eigenartig entspannend ist. Die Musikerin selbst ist beim Spielen in einem fast meditativen Zustand: „Ich suche einen lebendigen und gelösten Zustand, der die Musik wachsen lässt und mich dazu bringt, das Sein einen Moment verlängern zu wollen. Ich will Wege des Sehens, Hörens und Wahrnehmens verändern.“

Immer im Jetzt

Wenn man Maarja Nuuts dichter, intensiver Musik lauscht, scheint sich der Augenblick tatsächlich zu verlängern. Mit ihren elektronischen Loops fängt sie gleichsam die typischen Klänge baltischer Folklore ein. Auch hier vereint die Musikerin Gegensätze: Ihre Musik beschwört vor dem inneren Auge Szenen wie aus einem baltischen Märchenbuch entsprungen und ist gleichzeitig sehr modern.

Noten gibt es beim Fiddle-Spiel kaum. Meist improvisieren die Musiker. In Estland hat man die überlieferte Tanzmusik der Fiddler in den 1920er und 30er Jahren auf Band aufgenommen, kurz bevor sie mehr und mehr aus dem Alltag verschwand.  Allerdings sind das meist nur kurze Melodien – ohne die folgenden 30 Minuten, in denen jeder Musiker seine eigenen Variationen gespielt hat, die jeden Tag anders sein konnten. Daran möchte Maarja Nuut anknüpfen:

„Ich versuche, dieser intuitiven Annäherung an Musik zu folgen und experimentiere. Es ist immer JETZT. Alte Stücke sind so frisch wie Improvisationen, die vor einer Sekunde entstanden sind.“

Diese Gedanken bringt Maarja Nuut auch in ihr aktuelles Album „Une Meeles“ ein. Das 2016 veröffentlichte Werk ist eine intensive Kombination aus Überlieferung und persönlichem Erzählen.

Wer Maarja Nuut und die estnische Fiddle-Musik live erleben will, hat jetzt die Chance dazu: Bei unserem Festival Baltikum wird sie in einem Late-Night-Konzert ihr Programm „Une Meeles“ aufführen!

von Pia Starke

Fotocredits: Featured Image – Renee Altrov; Fotostrecke – Kaupo Kikkas, Maarja Urb, Silvert/Ánisson