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Warum Singen glücklich macht

Stressigen Tag bei der Arbeit gehabt? Mal wieder die Einkaufstüte gerissen? Grundlos schlechte Laune? Dann sing doch einfach! Singen macht sozial, gesund und glücklich. Warum, das erklären wir euch hier.

Singen macht sozial

Bist du neu in einer Stadt und willst dich zuhause fühlen und Freunde finden? Fang an zu singen! Gemeinsames Singen erfüllt jede Menge soziale Funktionen: Es bringt Menschen zusammen und lässt sie miteinander kommunizieren. Es fördert die soziale Kognition (denn wer mit anderen musiziert, muss sich auf sie einstellen) und die Kooperation: Da man nicht nur auf sich, sondern auch auf alle anderen hören muss, wird man durchs Singen empathischer, teamfähiger und hat ein stärkeres Gruppengefühl. Der Musikpsychologe und Hirnforscher Professor Dr. Stefan Koelsch fasst es so zusammen:

„Singen bringt Menschen in Kontakt, hilft bei der Koordination gemeinsamen Tuns, überträgt Emotionen, stiftet sozialen Zusammenhalt und Identität.“

Das macht auch den evolutionären Nutzen der Musik aus: Sie stiftet Zusammenhalt und hat vermutlich unserer Spezies geholfen, sich zu behaupten. Und es scheint ein Sonderweg der Evolution zu sein, denn dem Menschen fällt synchrones Klatschen, Singen und Tanzen leicht – während es in der Tierwelt kaum vorkommt.

Singen macht gesund

Nein, das ist nicht nur eine Redensart. Forscher konnten nachweisen, dass Chorsingen die Herzen der Sänger*innen buchstäblich im Gleichtakt schlagen lässt! Gemeinsames Singen fördert über das kontrollierte Atmen außerdem Herz und Kreislauf und unterstützt das Immunsystem. Das ist wissenschaftlich bewiesen: Der Oldenburger Musikwissenschaftler Professor Dr. Gunter Kreutz bat Laien-Chorsänger vor und nach einer Chorprobe und nach dem bloßen Anhören eines geprobten Stücks um eine Speichelprobe. Nach dem Singen des Stücks waren die Abwehrstoffe im Körper deutlich erhöht. Wahrscheinlich verbessert gerade das regelmäßige Singen die Immunabwehr. Und geht es euch nicht auch manchmal so, dass ihr nach der Probe mehr Energie habt als vorher?

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Musik kann sogar noch mehr: Oft brauchen Menschen im Alter länger kein Hörgerät, wenn sie Musik gemacht haben. Bisweilen erreicht Musik Wachkomapatienten und Menschen mit fortgeschrittener Demenz, die mit Worten nicht mehr ansprechbar sind. Singen kann Schmerzen reduzieren und bei neurologischen Störungen wirksam sein. Und in der Alzheimerforschung wurde beobachtet, dass durch das gemeinsame Musizieren ein Erinnerungsschatz so fest im Gedächtnis verankert wird, dass er sogar noch aktiviert werden kann, wenn kaum etwas anderes an Lebenserinnerungen geblieben ist.

Singen macht glücklich

Dass man, wenn man besonders gut gelaunt ist, leise vor sich hin summt kennen wir ja alle. Aber es geht auch umgekehrt: Beim Singen sind im Gehirn alle Strukturen des Belohnungsnetzwerks eingeschaltet. Wir bilden bewusst oder unbewusst Erwartungen, wie das Stück weitergeht. Wann setzt der Bass ein? Schaffen wir die schwere Stelle diesmal? Wann schlägt die Melodie nochmal in Moll um? Werden unsere Erwartungen erfüllt, werden unter anderem das Glückshormon Dopamin und das stresslösende Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Bei vertrauter Musik klappt das besser als bei unbekannter Musik, selbst wenn die ähnlich klingt. Unsere rauf und runter gehörten Lieblingsstücke aktivieren also das Belohnungssystem stärker.

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Beim Singen ist außerdem der vordere Teil des Hippocampus aktiv, der für bindungsbezogene Emotionen zuständig ist. Dort werden stärkere Gefühle hervorgerufen als zum Beispiel durch Bilder, obwohl die Musik selbst meist nicht Gegenstand der Emotion ist. Professor Koelsch erklärt:

„Natürlich kann man sich freuen, ein Stück zu hören oder sich ärgern, wenn es schlecht vorgetragen wird. Aber das macht nicht die magische Wirkung der Musik aus.“

Wenn ein Musikstück stark mit einer emotionalen Erinnerung verbunden ist, aktiviert das Hören der Musik also diese Erinnerung. Besonders Singen kann aber auch ohne vorherige positive Assoziationen zu Glück führen. Das fand Gunter Kreutz gemeinsam mit Anke Engelke in einem ganz besonderen Experiment heraus: Sie gründeten den „Chor der Muffeligen“, bestehend aus 36 Menschen, die alle aufgrund deprimierender Erfahrungen nach eigener Aussage „muffelig“ waren. Musikalisch und wissenschaftlich professionell begleitet trafen sie sich drei Monate lang. Und siehe da: Die gemessenen Stresshormone waren zunehmend reduziert, Glückshormone erhöht und die Sänger*innen freuten sich an neuen sozialen Kontakten. Heute nennen sie das ungewöhnliche Projekt lieber den „Chor der Glücklichen“ und die meisten von ihnen singen auch weiterhin.

Ganz Berlin in einem Chor

Unser Artikel hat dich voll überzeugt und du willst sofort in einen Chor eintreten? Gute Entscheidung! Aber jetzt hast du die Qual der Wahl: Allein 20.000 Chöre sind offiziell im Deutschen Chorverband registriert, dazu kommen weitere 20.000 Kirchenchöre und etwa 15.000 Chöre und Chorprojekte der freien Szene. Mehr als 3,5 Millionen Menschen singen im Chor, Tendenz steigend. Das sind also in etwa so viele Menschen, wie in Berlin wohnen.

Besonders viele Menschen singen übrigens im Baltikum. Dort ist Chorgesang nicht nur kulturelles Erbe, sondern auch gelebter Alltag. Und dort hat sich gezeigt, was Gesang für eine Kraft haben kann: Während der Perestroika Ende der 1980er Jahre wurden bei riesigen öffentlichen Versammlungen traditionelle Volkslieder angestimmt. Mit dieser „Singenden Revolution“ drückten die Menschen ihren Wunsch nach kultureller und politischer Unabhängigkeit von der Sowjetunion aus.

von Pia Starke