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„Die Orgel kennt nur Ja oder Nein.“

Wenn man das O-Wort ausspricht, entsteht hinter jeder Stirn das gleiche Stereotyp, sagt Cameron Carpenter – ganz egal, wo auf der Welt das Gespräch auf Orgeln und Organisten kommt. Mit außergewöhnlicher Musikalität, nahezu grenzenloser technischer Fertigkeit, Pioniergeist unter anderem bei der Planung seiner digitalen International Touring Organ und viel Sinn für den dramatischen Auftritt überwindet der Amerikaner jedes Imageproblem seines Instruments und kultiviert eine weltweite Anhängerschaft. Wir haben mit unserem Artist in Residence der Saison 2017/18 gesprochen.

„Weil es live am schönsten ist“ heißt es bei uns in der Saison 2017/18. Was ist für dich am reizvollsten daran, live auf einer Bühne zu spielen?

Ich weiß gar nicht, ob das so reizvoll ist. [Lacht] Manchmal natürlich schon. Doch ob es nun reizvoll ist oder nicht, es ist immer lohnend. Musik und die Aufführung von Musik haben viel mit Autorität und Authentizität zu tun. Die einzig wahre Authentizität besteht für mich in der Aufrichtigkeit meiner Darbietung für den Hörer. Bei Live-Auftritten kommt es hier vor allem auf die Spontaneität an.

Manche Musiker bezeichnen ihr Instrument gern als ihre „Stimme“. Wie würdest du die Beziehung zu deinem Instrument charakterisieren? 

Ganz allgemein betrachtet ist die Orgel für mich ein metaphysisches Symbol für Systeme, die weit über die Musik hinausgehen und in direkter Weise mit der Struktur der natürlichen Ordnung der Welt verbunden sind. In gewisser Weise bildet die Orgel die Erfahrung eines Menschen nach, der sich beim Blick in den Sternenhimmel nicht klein vorkommt, sondern eine tiefe Verbundenheit erlebt. Die International Touring Organ hat 186 Register, die Zahl der möglichen Kombinationen ist mindestens 191 Ziffern lang. Das ist eine riesige Zahl – viel mehr, als ich jemals werde ausprobieren können. Als Orgelspieler begreift man, dass man irgendwie akzeptieren muss, nur einen ganz winzigen Teil des Instruments jemals erfahren zu können.

Wenn du mit klassischen Musikern spielst, dann fast immer mit einem Orchester, nicht mit Solisten.

Die traditionelle Orgel ist ein Instrument, das mit Leichtigkeit selbst ein ganzes Sinfonieorchester plattwalzt. Wahrscheinlich sind Dirigenten deshalb in meiner Nähe immer ein wenig nervös. Die Orgel kennt praktisch keine Zwischentöne, nur totale Beherrschung und totale Unterwerfung. Aber wirkliches Zusammenspiel kann es in einem dominant-devoten Umfeld nicht geben. Ich benutze diese Ausdrücke mit Bedacht. Die Spannung von Beherrschung und Unterwerfung – deren Ursprung natürlich sexueller Natur ist – gehört für mich untrennbar zur Orgel. Ich glaube, das hat mit dem binären Aspekt des Instruments zu tun, denn jede noch so kleine Entscheidung des Organisten erfordert totale Hingabe. Die Orgel kennt nur Ja oder Nein.

Wie steht es denn heutzutage um die Orgel?

Oft höre ich die Frage: „Glaubst du, dass die Orgel ein sterbendes Instrument ist?“ Die Orgel ist schon seit Jahrzehnten tot, vielleicht schon seit Ende der 1970er Jahre. Die meisten Orgelaufführungen in Konzertsälen werden heutzutage von anderen Organisten und Orgel-Enthusiasten besucht. Wenn die Orgel lebendig sein will, braucht sie ein Publikum.

Ist die International Touring Organ ein Hoffnungsträger für eine Wiederbelebung?

Es ist ein Fehler, die digitale Orgel als Revolution zu betrachten. Es handelt sich natürlich um eine äußerst wichtige Evolution, aber keine, die einen Bruch mit der Tradition der Pfeifenorgel darstellt. Sie ist eine logische Erweiterung des Instruments in den digitalen Bereich – die Bedienung der Pfeifenorgel ist ein frühes Beispiel für digitale Kodierung. Alle Orgeln sind digitale Orgeln, weil sie alle binär strukturiert sind!

Was planst du für deine Residency, worauf freust du dich?

Ich hoffe, im Zusammenspiel mit anderen und vom Programm her einiges bieten zu können, das wirklich aus dem Rahmen fällt. Dass die International Touring Organ nun in kurzem zeitlichen Abstand mehrfach am selben Ort aufgebaut wird, macht es möglich, sie auch einmal wie eine Dauereinrichtung zu erleben. Das ist wirklich etwas sehr Besonderes. Seit fünf Jahren komme ich nun immer wieder nach Berlin. Die Residency bietet mir eine großartige Gelegenheit, meine musikalische Beziehung zu dieser Stadt sozusagen erneut hochzufahren.

 

Wenn ihr hören wollt, wie Camerons legendäre International Touring Organ klingt: Am 10. Mai lädt unser Artist in Residence bei „Cameron and friends“ unter anderem die niederländischen Pianisten-Brüder Lucas und Arthur Jussen und die deutsche Jazz-Pianistin, Sängerin und Bandleaderin Olivia Trummer zum Konzert!

Das Interview führte Annette Zerpner. Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Wollermann. Fotos von Marco Borggreve und Oliver Lang.