Allgemein, Festival Baltikum

5 Hintergründe zu „Des Jona Sendung“

Um was geht es eigentlich in „Des Jona Sendung“? Was hat Rudolf Tobias mit dem Baltikum zu tun? Und was ist eigentlich so besonders an diesem Oratorium? Wer sich eine dieser Fragen schon mal gestellt hat, für den haben wir hier fünf Hintergründe zu Rudolf Tobias‘ „Des Jona Sendung“ zusammengestellt, das am Dienstag im Großen Saal aufgeführt wird.

Ein Este in Berlin

Nein, Rudolf Tobias stammt nicht aus Wuppertal oder Kleinmachnow. Der Komponist wurde 1873 in Estland, damals noch russische Provinz, geboren. Nach einem Orgelstudium, siebenjähriger Arbeit in St. Petersburg und einer Lehrtätigkeit in der estnischen Universitätsstadt Tartu zog es ihn nach Westen. 1908 ging er zunächst nach Paris, dann nach München, Prag und Dresden und ließ sich für ein Jahr in Leipzig nieder. Hier fand auch die Uraufführung seines monumentalen Oratoriums „Des Jona Sendung“ statt. 1910 schließlich zog es den Komponisten und Organisten nach Berlin, wo er bis zu seinem Tod an der Königlichen Musikhochschule in Berlin unterrichtete.

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„Hilf, Herr! Die Heil’gen haben abgenommen.“

Die Bibelfesten unter euch haben sich bestimmt schon gedacht, um was es in „Des Jona Sendung“ geht. Für alle anderen hier nochmal eine kurze Zusammenfassung. Rudolf Tobias hat sich eine bekannte Geschichte des Alten Testaments ausgesucht: Gott beauftragt den Propheten Jona, in die verrufene Stadt Ninive zu gehen und deren verdorbene Bewohner zu bekehren. „Sie sind alle abgefallen und allesamt untüchtig!“ klagt ein Engel im Oratorium. Jona aber missachtet das Gebot und will mit einem Schiff nach Spanien fliehen. Da bricht ein Sturm los, der Prophet wird als Unglücksbringer über Bord geworfen und von einem Wal verschluckt. Erst als er durch Gebete im Bauch des Wals geläutert ist, wird er wieder ausgespuckt und erfüllt nun Gottes Auftrag.

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Missglückte Uraufführung

Die Uraufführung am 26. November 1909 stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Das Hauptproblem: „Des Jona Sendung“ war noch gar nicht fertig! Bis zum Tag des Konzerts arbeitete der Komponist noch fieberhaft an Partitur und Einzelstimmen. Die Musiker bekamen deshalb zum Teil nur unvollständige Noten ausgehändigt. Überhaupt fehlte es an Personal: Tobias fand keinen Dirigenten, also dirigierte er ohne Erfahrung selbst. Statt eines großen Sinfonieorchesters hatte er nur eine Militärkapelle mit 25 Musikern zur Verfügung. Und von den vorgesehenen ca. 250 Sängern zählte der Chor am Ende unter 100. Das „Leipziger Tageblatt“ schrieb:

„Es war tatsächlich unmöglich, unter diesen Umständen ein Urteil über das Werk sich selbst zu bilden, doch scheint es gar nicht so schlecht zu sein. Jedenfalls war es vom Komponisten eine Torheit, sein eigenes Werk mangels jeglicher Erfahrung und Übung selbst zu verstümmeln.“

Rudolf Tobias ließ sich aber nicht entmutigen. Bei aller Kritik habe niemand an der Qualität des Werks selbst gezweifelt und an seiner Bedeutung für die Kirchenmusik. Hermann Kretzschmar, Rektor der Berliner Königlichen Musikhochschule und exzellenter Oratorienkenner, gab ihm Recht: 

„Seit Bachs Zeiten ist bis heute kein so gewaltiges Werk der kirchlichen Musik wie der Jona des Tobias geschrieben worden.“

Zu Rudolf Tobias‘ Lebzeiten wurde „Des Jona Sendung“ trotzdem nie wieder vollständig aufgeführt.

Beinahe vergessen

Nach dem frühen Tod des Komponisten 1918 verblieben alle Dokumente im Besitz seiner Witwe. Sie übersiedelte nach Amerika und lange erinnerte sich niemand mehr an das Oratorium. Erst 20 Jahre später kaufte die Stiftung Eesti Kultuurkapital Tobias‘ Manuskripte. So kehrte „Des Jona Sendung“ zwar nach Estland zurück, aber auch da verschwand die Partitur für 35 Jahre in einer Schublade! Erst 1973 entdeckte der estnische Pianist und Musikwissenschaftler Vardo Rumessen das Werk neu und fertigte eine redigierte Fassung an. 1989 schließlich wurde „Des Jona Sendung“ in Tallinn erstmals wieder vollständig aufgeführt – über 70 Jahre nach der ersten Uraufführung!

Rudolf Tobias hat natürlich neben dem Oratorium noch einiges mehr komponiert. Hört doch mal rein:

„Bleiben wir Esten, aber werden wir auch Europäer!“

Dieses Zitat stammt nicht direkt von Tobias, ist aber Leitspruch einer Bewegung, die ihn sehr beeinflusst hat: Noor Eesti (Junges Estland) war eine literarische, neoromantische Bewegung, die zwischen 1904 und 1918 für einen intellektuellen Anschluss an Europa eintrat. Die jungen Künstler und Dichter entwickelten neue kulturelle Richtlinien und Maßstäbe für eine estnische nationale Kunst. Besonders aktiv war Noor Eesti in Tartu, wo Rudolf Tobias drei Jahre lang lebte. Mit „Des Jona Sendung“ schuf er nun die Brücke zwischen Estland und Europa auf musikalischer Ebene: Er lehnt sich an klassische europäische Vorbilder an und verwendet im Oratorium z.B. eine an Wagner angelehnte Leitmotivik. Tobias schrieb „Des Jona Sendung“ für das estnische Volk. Als das monumentale Werk 1989 quasi seine zweite Uraufführung in Tallinn hatte, war das für viele auch Ausdruck des wachsenden estnischen Nationalbewusstseins. Das wäre sicher in Tobias‘ Sinne gewesen, als er schrieb:

„Immer ist die Kunst Übermittler des eigenen Zeitgeistes gewesen.“

Was könnte also passender sein, als „Des Jona Sendung“ genau 100 Jahre nach der estnischen Unabhängigkeitserklärung bei unserem Festival Baltikum aufzuführen! Der berühmte estnische Dirigent Neeme Järvi präsentiert euch das Oratorium mit drei Chören am 20. Februar im Großen Saal. Also: hingehen und mit eurem neuen Spezialwissen angeben!

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Auf unserem Blog liefern wir euch außerdem 9 Gründe, warum ihr das Festival Baltikum auf keinen Fall verpassen solltet, stellen euch die estnische Fiddle-Spielerin und Sängerin Maarja Nuut vor und interviewen die großartige lettische Organistin Iveta Apkalna!

Von Pia Starke

Foto: Pixabay Creativ Commons