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Tür auf für das Publikum(sorchester)!

Leere Schulflure nach Feierabend erzeugen immer ein eigenartiges Gefühl von Vertrautheit und wecken lang vergessene Erinnerungen. An diesem Dienstagabend in der Sophie-Charlotte-Oberschule in Charlottenburg werden solche Gedanken aber schnell verdrängt von einer bunten Mischung an Klängen die durchs Haus hallen – Registerproben! In der Aula der Schule trifft sich jede Woche das Konzerthaus Publikumsorchester.

Was vor Jahren beim Tag der offenen Tür als bunt gemischtes Spontanorchester in teils abenteuerlicher Besetzung begann – 12 Posaunen, 20 Flöten und 8 Klarinetten sind schon eine Hausnummer – ist inzwischen ein festes Ensemble mit einem Programm, das es in sich hat. Dirk Wucherpfennig, hauptberuflich Schlagzeuger im Konzerthausorchester, ist der Kopf des Ganzen. Er war bereits beim Spontanorchester dabei und hat für die Laienmusiker die Pauken gestimmt und sie beim Spielen unterstützt. Schon damals fiel ihm auf, wie groß das Interesse war:

„Das war ein richtiges Happening! Ich weiß sogar, dass Leute extra ihren Urlaub verlegt haben, weil sie unbedingt kommen wollten.“

Er bemerkte aber auch das große Bedauern, wenn das Erlebnis nach 40 Minuten wieder vorbei war. Deshalb entschloss er sich 2014 das „Publikumsorchester Konzerthaus Berlin“ als festes Ensemble mit regelmäßigen Proben zu gründen.

Mitmachen darf (fast) jeder. Auch wenn sich das Orchester zunächst vor allem aus Abonnenten zusammensetzte, kommen inzwischen immer mehr Interessenten aus ganz Berlin dazu. Auswahlspiele im eigentlichen Sinne gibt es keine – das musikalische Niveau ist relativ hoch angesetzt, da merken die Musiker nach drei bis vier Wochen Probenzeit selbst, ob sie zum Orchester passen und das Orchester zu ihnen. Einzig beim hohen Holz gibt es bekanntermaßen häufig mehr Anwärter als freie Plätze. Für solche Fälle holt sich Dirk dann auch gerne mal Unterstützung aus dem Konzerthausorchester, beispielsweise Alexandra Kehrle, die als Solo-Es-Klarinettistin natürlich genau das richtige Ohr für diese Aufgabe hat.

Der Schwierigkeitsgrad ist also schon mal ein Kriterium für die Programmauswahl. Das Orchester stellt Dirk allerdings auch vor einige andere Herausforderungen: Er möchte das hohe Niveau natürlich weiterhin halten und die Stücke entsprechend herausfordernd auswählen. Zudem wollen alle Musiker beschäftigt sein und spielen; bei dreifachem Holz, allen Posaunen und Tuba gar nicht so einfach. Andererseits geht vieles nicht, weil die Besetzung noch nicht groß genug ist – so fehlen für Mahler einfach noch ein paar Bratschen. Und dann sind da ja auch noch die Musiker, die Wünsche haben und die populären Stücke gerne einmal selbst spielen möchten. Da sollten Tschaikowski und Rachmaninow schon auch mal auf dem Programm stehen.

„Es muss interessant sein, eine Mischung aus ungewöhnlich und bekannt!“

Die einzigartige Besetzung ist eine Herausforderung, aber auch ein Segen. Denn Dirk kann sich an Stücke wagen, um die andere einen Bogen machen. Wie zum Beispiel die 12. Sinfonie von Schostakowitsch, die das Publikumsorchester am Mittwoch im Espressokonzert spielen wird.  Nach der Uraufführung dieser Sinfonie war Schostakowitsch in die Kommunistische Partei der Sowjetunion eingetreten – ein umstrittener Schritt. Um dem Orchester die komplizierte Geschichte etwas näher zu bringen, haben sie gemeinsam sogar einen Dokumentarfilm über das Leben des Komponisten geschaut.

Für Dirk ist das Publikumsorchester eine Herzensangelegenheit. Er genießt die Erarbeitung der Stücke genauso wie die Begeisterungsfähigkeit seiner Musiker in den Proben, auch wenn die mal etwas länger dauern. Vor allem, weil die meisten neben ihrem eigentlichen Job natürlich nicht so viel Zeit zum Üben haben. Das machen alle aber durch ihr Engagement wieder wett, was das Arbeiten für Dirk sehr angenehm macht. Und: Er kann endlich all die Stücke spielen, bei denen er sonst wartend in der Kantine sitzt, weil kein Schlagzeug vorkommt!

Das Publikumsorchester spielt am 06. Dezember 2017 um 14.00 Uhr im Espressokonzert die 12. Sinfonie von Schostakowitsch.

von Luisa Aha

Fotos und Videos: Luisa Aha, Jürgen Kohlfärber und Privataufnahmen von Musikern des Publikumsorchesters


 

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