Allgemein, Dichterliebe recomposed

Wie vor dem ersten Date

Ein bisschen sieht es so aus, als würden Jana und Matthias da grade Quartett spielen. Also das Kartenspiel, nicht die Kammermusik. Wer hat mehr PS? Wieviel Hubraum? Höchstgeschwindigkeit?

Okay, Matthias hat nur 22 Seiten insgesamt, Jana 26. Wer darf wo lauter spielen? Und diese Stelle mit den 32teln?

Dieser Moment, wenn man die Noten für ein neues Projekt zum ersten Mal in den Händen hält, ist immer aufregend. Vor allem wenn es sich dabei um Musik handelt, die noch nie zuvor überhaupt jemand gespielt hat. Jana und Matthias vom Horenstein Ensemble haben vor ein paar Wochen ihre jeweilige Stimme und eine Partitur von „Die Dichterliebe recomposed“ bekommen. Ein Stück, das der Berliner Komponist Christian Jost bereits lange in Kopf und Herz bewegte, wie er uns erzählt hat. Und fürs Horenstein Ensemble, das sich 2008 aus Mitgliedern des Konzerthausorchesters gründete und bis heute durch seine besondere Besetzung – Streichquartett, Klarinette, Flöte, Harfe – mit außergewöhnlichen Konzertprojekten und Aufnahmen begeistert, hat Christian Jost dieses Stück endlich aufgeschrieben.

Am 21. Oktober feiert „Die Dichterliebe recomposed“ nun im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses Premiere, aufgeführt durch das Horenstein Ensemble, den Tenor Peter Lodahl und mit einer medialen Szenografie von Tabea Rothfuchs.

Aber wie war das nun genau, als Bratscher Matthias die Noten bekam. Fiel zuerst der Blick in die eigene Stimme oder doch erst in die Partitur? Und worauf war er besonders gespannt?

Geigerin Jana hat erst einmal geschaut, wie lang das Stück ist, wie die Tempi sind, ob alles spielbar ist. „Da ist Christian sehr genau in seinen Angaben, alles ist genau und auch sehr schön notiert. Ganz interessant waren nach hinten raus die enharmonischen Verwechslungen – hat dir das Spaß gemacht, Matthias? Mit den Kreuzen und b’s in einem Takt oder innerhalb einer Figur? Es hat aber natürlich seinen Grund, weil auch Schumann im Originalwerk so geschrieben hat, cis-Dur/des-Dur.“

Für Jana war die intensive Beschäftigung mit der originalen „Dichterliebe“ von Robert Schumann sehr wichtig und eigentlich der erste Schritt in der Vorbereitung auf das Projekt.

Schumanns Werk dauert 35 Minuten, das von Christian Jost knapp 65. Da gibt es also viel Extra-Musik – aber wo taucht der Schumann wieder in welcher Form auf? Die Antwort auf diese spannende Frage können Matthias und Jana gerade nur erahnen. Die erste gemeinsame Probe steht nämlich zum Zeitpunkt des Interviews erst noch bevor. Natürlich kann man in der Partitur nachverfolgen, wann Tenor Peter Lodahl eins der insgesamt 16 Lieder der Dichterliebe anstimmt, aber was genau das Ensemble darunter spielt, wie ähnlich oder weit entfernt von Schumann das am Ende wirklich ist – Gewissheit gibt da erst die erste gemeinsame Probe.

Zum ersten Mal in der zehnjährigen Ensemble-Geschichte spielen die Horensteins unter einem Dirigenten. Christian Jost selbst dirigiert die Aufführungen. Und Jana und Matthias sind darüber eigentlich ganz froh. „Wir hätten sonst bestimmt länger gebraucht als die fünf Tage Proben, die wir jetzt haben. Es ist ja doch ein sehr komplexes, vielschichtiges Stück, bei dem es natürlich hilfreich ist, wenn da vorne jemand steht, der eine ganz genaue Vorstellung davon hat, wie es klingen muss“, meint Matthias.

In den ersten Proben wird sich auch klären, ob und welche Änderungen es noch gibt. Jana weiß schon jetzt, bei welchen Abschnitten sie Fragen haben wird. „Ja, Christian hat ein paar Wünsche, von denen ich noch nicht so genau weiß, ob er das genau so meint, wie es notiert ist. Soll etwas wirklich „misurato“ [streng im Takt] sein oder reicht da vielleicht auch ein Tremolo? Manchmal kann man so etwas mit einem Blick in die Partitur klären: Ist es zum Beispiel ein eher perkussiver Abschnitt oder einer, bei dem es um Klangfarben geht? Und manchmal muss man eben den Komponisten direkt fragen.“

Und wann hat man schon einmal die Chance, mit einem Komponisten direkt zu arbeiten? Das Horenstein Ensemble ist sich dieses Privilegs auf jeden Fall sehr bewusst – auch wenn es schon öfter Stücke von zeitgenössischen Komponisten aufgeführt hat, darunter einige Auftragswerke für das Ensemble. Denn für die besondere Besetzung gibt es wenige Originalkompositionen. Eigentlich nur eine einzige klassische: Maurice Ravels „Introduction et Allegro“. Bei der Gründung 2008 war das aber total zweitrangig.

„Jana und ich saßen damals zusammen und wollten einfach etwas Neues machen. Da war der Antrieb, diese drei Klanggruppen – Streicher, Harfe, Klarinette, Flöte – miteinander zu verbinden, um ganz neue Welten zu finden abseits der hundertausendmal gehörten Kombinationen wie Streichquartett oder Bläserquintett. Und wir haben dann Mitmusiker gefunden, die auch Lust hatten, miteinander zu spielen, etwas zu entdecken“, erzählt Matthias.

Und das kommt gut an. Denn die Konzertprogramme des Horenstein Ensembles sind abwechslungsreich und spannend, wie sie nur sein können, wenn ein so unterschiedlicher Haufen von Musikern in einem Ensemble spielt. An einem Konzertabend folgt dann vielleicht ein Stück für Streichtrio und Harfe auf ein Duo aus Klarinette und Cello, oder die Flöte spielt solo. Und zwar immer Werke, die sonst nur selten aufgeführt werden, weil einfach die Organisation zwischen verschiedenen Musikern, die kein Ensemble sind, ganz schön schwierig sein kann.

Langweilig wird es also mit dem Horenstein Ensemble nie. Auch jetzt nicht mit der „Dichterliebe recomposed“ – ein besonderes Projekt mit einem besonderen Ensemble.

 

von Renske Steen


 
1 Komment

Wie vor dem ersten Date

  1. Eure Ankündigung liest sich spannend. Sie macht neugierig.
    Ich kann es bestätigen, dass keine CD des Hornsteinen Emblem langweilig war.
    Nun kann ich nur noch Erfolg wünschen.


Kommentar Verfassen