Allgemein, Konzerthausorchester

Von Ska-Bands und Wutausbrüchen

„Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“, wurde eine berühmte Werbefigur früher gefragt. Und man könnte die Frage genauso gut Musikern beim Üben stellen, manchmal gibt es eben solche Tage. Die neuen Akademisten des Konzerthausorchesters haben uns von Wutausbrüchen bei Violinstunden und dem nötigen Ausgleich in der Freizeit erzählt, von ihren Ska-Bands und ihren liebsten klassischen Sinfonien berichtet, vom unkonventionellen Charme Berlins und den so unterschiedlichen Ecken der Stadt geschwärmt.

Annalena Kohde, Violine

Am Gendarmenmarkt mit seinem typischen klassizistischen Gebäudeensemble gefällt es ihr genauso gut wie vor den modernen Glasfassaden des Potsdamer Platzes. Annalena Kohde liebt diese Mischung und den „unkonventionellen Charme“ Berlins. Vielleicht empfindet sie die Stadt gerade deshalb als „beflügelnd“. Ähnlich wie ihre musikalischen Schlüsselerlebnisse: Da wären zum einen die regelmäßigen Opernbesuche mit den Eltern, die in Annalena den Wunsch weckten, Geige zu lernen. Zum anderen durfte sie im März dieses Jahres den berühmten Pinchas Zukerman im Konzert erleben und war von seiner Interpretation des Elgar-Violinkonzertes schwer beeindruckt.

Madlen Breckbill, Viola

Wie eine Doppelgängerin der neuseeländischen Pop-Sängerin Lorde sieht sie aus, nur eben an der Bratsche. Die spielt sie erst seit Kurzem: „Meine musikalische Ausbildung konzentrierte sich bis vor einem Jahr auf Geige, als die Viola mein Herz eroberte.“ Vielleicht war das auch gut so, denn Madlen Breckbill, Akademistin bei den Bratschen, erzählt von regelmäßigen Wutausbrüchen, die sie früher beim Geigenüben hatte. Ein Glück, dass sie trotzdem dabeigeblieben ist und sich so nicht um ihre schönsten Erfahrungen gebracht hat: Robert Schumanns Vierte mit dem Royal Conservatory Orchestra in Toronto gespielt zu haben und bei Richard Wagners „Götterdämmerung“ mit der Canadian Opera Company dabei gewesen zu sein. Wenn Madlen nicht am Gendarmenmarkt ist, genießt sie gerade den Ausblick vom Klunkerkranich oder joggt durch den Tiergarten. Kein Wunder, dass sie sich bei diesen Aussichten freut, in Berlin zu sein: „I am truly excited to be living in Berlin!“

Elisabeth Wand, Violoncello

Für die Cellistin Elisabeth Wand ist Berlin schon zu einem zweiten Zuhause geworden: „Berlin ist einfach die bunteste und toleranteste Stadt Deutschlands.“ Am liebsten erkundet sie zurzeit den Kiez rund um den Kollwitzplatz. Und wer weiß, vielleicht begleiten sie auf ihren Spaziergängen auch Bach und Schostakowitsch, die sind nämlich ihre aktuellen Favoriten. Liegt ja auch nahe: Beide haben ebenso wunderbare wie berühmte Stücke fürs Cello komponiert, die sich Elisabeth nach und nach aneignen möchte: „Neben meiner Arbeit im Konzerthausorchester versuche ich, einen möglichst großen Teil der Celloliteratur kennenzulernen und selbst zu erarbeiten.“

Yamila Pedrosa Ahmed, Kontrabass

Sie hört gerne Bach und arabische Musik, kommt aus dem andalusischen Granada und hat schon bei Orchestern in Spanien, Slowenien, Italien, Indien und der Schweiz gespielt. In einer „riesigen multikulturellen Stadt mit einer bedeutenden Künstlerszene“ wie Berlin fühlt sich Yamila Pedrosa Ahmed, Akademistin am Kontrabass, deshalb genau richtig aufgehoben. Wie sehr die Musik für sie Lebensinhalt ist, merkt man, wenn sich Yamila an eine bestimmte Stelle in Bruckners Vierter zurückerinnert: „Dieser Moment ließ mich erkennen, wie die einfachsten Dinge einen zum Wichtigsten und Wertvollsten bringen… Schwierig in Worte zu fassen.“

Yomoon Youn, Kontrabass

Wenn Yomoon Youn mit Kollegin Yamila im Streit um den Kontrabass nicht gerade den Kaukasischen Kreidekreis nachstellt, spielt er seit dieser Saison im Konzerthausorchester besagten Bass. Dabei hat er zuerst Geige und Klavier gelernt, bevor er mit 14 Jahren zum ersten Mal einen Kontrabass in der Hand hatte. So ist das eben, wenn man aus einer Musikerfamilie kommt. „Den Kontrabass hat mir damals mein Vater empfohlen“, eine gute Empfehlung! An Berlin gefällt dem Südkoreaner – ähnlich wie unserem Solo-Flötisten Yubeen – besonders das große Angebot an koreanischen Restaurants.

Martin Chorell, Posaune

Ska und Reggae gehören nicht gerade zum Standardrepertoire eines klassischen Orchestermusikers. Anders bei Martin Chorell. Der schwedische Posaunist sorgte als Schüler in Ska- und Reggae-Bands für die genretypischen Bläserklänge. Heute verstärkt er das Blech im Konzerthausorchester gleich zweifach: mit Tenor- und Bassposaune. Und wie man sieht, kann er sich kaum zwischen den beiden Instrumenten entscheiden. Für deutsche Ohren nicht weniger außergewöhnlich ist Martins Lieblingsstück: die siebte Sinfonie des in Deutschland wenig bekannten und gespielten schwedischen Komponisten Allan Pettersson.

 

Das waren sechs der elf neuen Akademisten. Die verbleibenden fünf Nachwuchsmusiker stellen sich hier vor.

 

von Rudi Schmid


 

Kommentar Verfassen