Allgemein, Dichterliebe recomposed

„Man weiß, wann etwas reif ist, geschrieben zu werden.“

Eine Dachterrasse in Mitte. Christian Jost bringt zwei Tassen ausgezeichneten Kaffees heraus und blinzelt in die milde Vormittagssonne. So lässt es sich gut über die Arbeitssituation eines Komponisten plaudern. Er setzt die Sonnenbrille auf und lacht: „Damit erfüllen wir jetzt sicher jedes Klischee. Aber dieser angenehme Zustand ist natürlich nicht meine tägliche Realität. Wenn man ein Stück vom Umfang der ‚Dichterliebe‘ neu komponiert, ist das mit sehr viel Am-Schreibtisch-Sitzen verbunden.“ Ab einem bestimmten Punkt steht der Komponist mit der bereits fertiggestellten Partitur auch gerne mal in seiner Küche. Manches, was am Schreibtisch schwer fällt, wird nach einem kleinen Ortswechsel leichter.

Christian Jost bei der Arbeit an „Die Dichterliebe recomposed“

„Die Dichterliebe recomposed“ hat am 21.10. im Konzerthaus Premiere und wird an den folgenden Tagen noch zwei Mal aufgeführt. Die Zielgerade ist also in Sicht. Einen eindeutigen Startschuss für dieses Werk gab es im Leben von Christian Jost dagegen nicht – Schumanns Musik und Heines Verse begleiten ihn seit Jahrzehnten. „Verschiedene Verästelungen“ hätten sich getroffen, sagt er und blickt in die Kastanie im Hof. Dann kommt irgendwann ein Punkt, an dem man nicht mehr groß suchen muss. Man weiß, wann etwas reif ist, geschrieben zu werden. Nach einer Pause fährt Jost fort: „Meine Frau [die Mezzosopranistin Stella Doufexis] hat die „Dichterliebe“ von Schumann kurz vor ihrem Tod noch aufgenommen. Wir haben viele Gespräche darüber geführt und sehr intensiv daran gearbeitet. Sie hat diese Lieder wie Chansons angelegt. Dadurch, dass sie das überhaupt nicht pathetisch singt, bekommen sie eine unglaubliche Tiefe.“

„Die Dichterliebe recomposed“ singt nun der dänische Tenor Peter Lodahl, begleitet vom konzerthauseigenen Horenstein Ensemble – ein Streichquartett plus Klarinette, Flöte und Harfe. Hinzu kommen als Gäste Musiker an Klavier, Vibraphon, Marimbaphon und Celesta.

Ein kleiner Vorgeschmack auf die klangliche Dimension und die mediale Szenografie bietet der Trailer:

Besonders gereizt hat Christian Jost, in Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Tabea Rothfuchs eine „Mediale Szenografie“ zu schaffen, ein „Zwitterwesen“ an der Schnittstelle zwischen konzertanter und szenischer Aufführung, das überall funktionieren kann – in einem Opernhaus, einer Industriehalle, einem Technoclub oder eben im Werner-Otto-Saal. „Allmählich trudeln die Videos ein, seit einer Woche haben die Musiker die Noten. Das ist eine wirklich spannende Phase, denn ich bin jetzt nicht mehr der Komponist, sondern musikalischer Leiter. Das verändert die Perspektive auf das Werk komplett. Erst trägt man alles von innen nach außen, jetzt muss es wieder zurück in den Körper, damit ich das Kammerensemble leiten kann.“

Sein Stück ist gut doppelt so lang wie das halbstündige Original. Was genau passiert mit Schumann und Heine bei Jost? „Ich arbeite mit Text- und Melodiewiederholungen, denn ich wollte das Originalmaterial unangetastet lassen.“

Zum Beispiel im Lied „Ich will meine Seele tauchen in den Kelch der Lilie hinein“, wo er eine wunderschöne arpeggiohafte Begleitfigur harmonisch immer mehr ausweitet. „Das ist wie eine Zentrifuge, wenn man da so hineingesaugt wird.“ Oder im Wendepunkt des Zyklus „Hör ich das Liedchen klingen, das einst die Liebste sang“, wo die Figur der Geliebten des Erzählers endgültig zur Vision wird: „Schumanns abfallende Sechzehntelfigur habe ich immer weitergetrieben, sodass so etwas wie ein herabfallendes Gläserspiel entsteht, das dann immer mehr Risse erhält, ähnlich wie die Figur der Geliebten. Sie steht schließlich in keinem Zusammenhang mit der Realität mehr, erscheint nur noch durch singende Blumen und er driftet ab in ein Land voller Märchen, in dem er sich aufhalten möchte.“

Es ist diese abgründige, dunkle Farbe von Versen und der Musik, die zugleich eine transzendierende, von Schmerz durchzogene Leichtigkeit transportieren, die Christian Jost an der „Dichterliebe“ immer fasziniert haben: „Bei Schumann sind es ja ganz kurze, kleine Aphorismen oder Liedfragmente, selbst wenn sie teilweise etwas größer werden. Da, wo er und Heine bestimmte Türen öffnen, stoße ich sie zu den Räumen hin ganz weit auf, sodass wir Platz und Zeit haben, uns dort ein bisschen länger aufzuhalten.“

Kaffee und Partitur „Die Dichterliebe recomposed“

 

Alle Infos und Tickets gibt hier: http://bit.ly/2gaxJWm

 


 
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