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„Alles, was gute Musik ist, ist bei mir willkommen.“

Die Frage nach dem Lieblingskomponisten? Müsste doch eigentlich leicht zu beantworten sein, oder? Nicht für Ferenc Gábor, Solo-Bratscher im Konzerthausorchester. Er überlegt lange, als ich ihn frage, fängt dann bei Bach an, nennt Mozart, um am Ende zu folgendem Schluss zu kommen: „Alles, was gute Musik ist, ist bei mir willkommen.“ Gute Antwort!

Welches sein Lieblingswerk ist, weiß er dagegen sofort. „Eigentlich ist mein immer währender Ohrwurm Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“. Das ist ein Stück, mit dem wir uns zu Hause fast jeden Tag beschäftigen, das wir zitieren, es ist ein Teil von unserem Leben. Vor allem natürlich die 7. Tür, eins der schönsten und tiefsten Stücke, die ich kenne. So viele eigene Lebensereignisse kann man mit diesem Werk verknüpfen.“

Seit 1994 ist Ferenc Gábor Solo-Bratscher im Konzerthausorchester Berlin. Ganz schön lange! Damals war er mit 31 Jahren fast das jüngste Orchestermitglied, denn zu der Zeit verjüngte sich das Berliner Sinfonie-Orchester, so der damalige Name, rasant. Der Grund? Viele der Musikerinnen und Musiker waren kurz nach dem Mauerbau ins Orchester gekommen, als der damalige Chefdirigent Kurt Sanderling plötzlich vor dem Problem stand, dass die Hälfte des Orchesters im Westen der Stadt unerreichbar geworden war. Also holte Sanderling zahlreiche Musikstudenten und konnte damit sogar eine Konzertsaison ganz ohne Unterbrechung gestalten. Und genau diese Musikstudenten von damals gingen in Rente, als Ferenc ins Orchester kam. Eine spannende Zeit, wie der Bratscher sich erinnert.

Spannend war es für Ferenc Gabor auch deshalb, weil er, kurz nach nachdem er aus Israel in Berlin angekommen war, einen ganz besonderen Rat in die Wirklichkeit umsetzte. Diesen Rat gab ihm Leonard Bernstein, mit dem er viel und oft zusammengearbeitet hatte.

„Bernstein sagte zu mir: ‚Du solltest Dirigieren studieren!‘ Darüber habe ich mich zuerst gewundert, aber dann bin ich diesem Rat am Ende doch gefolgt.“

Und zwar an der Hochschule für Musik Hanns Eisler bei Professor Reuter. Bei seinem Diplomprüfungskonzert dirigierte er dann die eigenen Kolleginnen und Kollegen. Und wie war das? „Das war fantastisch! Ein Riesenerlebnis für mich! Natürlich ist es nicht ganz einfach, das eigene Orchester zu dirigieren, in dem man sonst spielt. Aber es war sehr schön, sie haben gut mitgemacht, waren sehr nett.“ Mittlerweile wissen natürlich alle, dass Ferenc nicht nur ein hervorragender Bratscher, sondern auch ein unheimlich guter Dirigent ist.

Und nicht nur das! Er ist in der ganzen Welt als Kammermusik-Lehrer unterwegs. Was er daran so mag? „Ich finde es toll, wenn meine Studenten tolle Erfolge erzielen, Preisträger in internationalen Wettbewerben werden.“

Am Donnerstag, den 29. Juni dirigiert Ferenc das Kammerensemble des Konzerthausorchesters mit einem Programm, das ihm auch sehr am Herzen liegt. Denn er findet, dass eins der größten Probleme der zeitgenössischen Musik ist, dass sich die Komponisten viel zu abstrakt mit Musik beschäftigen und das Volksmusik-artige aus ihren Werken verbannt haben. Für ihn selbst, der aus Siebenbürgen stammt, gehörte Volksmusik immer dazu, auch wenn er natürlich klassisch ausgebildet ist.

Und die Werke, die am 29. Juni auf dem Programm stehen, Luciano Berios „Folk Songs“ und die 4. Sinfonie von Mahler, haben ebenfalls beide ihre Wurzeln in der Volksmusik. „Jeder sollte sich einmal anhören, wie Gustav Mahler selbst den 1. Satz seiner 5. Sinfonie auf dem Klavier spielt. Da wird jeder Bar-Pianist neidisch! Ich glaube, wenn Mahler heute diesen Satz so mit einem Orchester aufführen würde, wie er ihn dort interpretiert, er würde dafür vernichtende Kritiken bekommen. Es ist viel zu freizügig, zu viel Rubato – er macht alles, was man eigentlich auf einer klassischen Konzertbühne nicht macht. Es ist unglaublich mitzuerleben, wie der Mann, der die Musik komponiert hat, darüber selber denkt.“

Ferenc’ Herkunft hat auch Auswirkungen auf die Art und Weise seines Musizierens. „Ich spiele sehr akzentuiert, kontrastreich, rhythmisch. Manchmal ist bei mir eine Sechzehntel-Note keine Sechzehntel-Note, sondern eine Achzehntel oder eine Vierzehntel. So kenne ich das einfach. Es gibt einige Dirigenten, die das verlangen, und mit denen macht es dann natürlich viel Spaß, zusammen zu arbeiten.“

Klar – er selbst ist ja auch so ein Dirigent!

 

 

Fotos von Marco Borggreve und Renske Steen


 

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