Hommage an Alfred Brendel

Alfred Brendel – Musik, Sinn und Unsinn

Alfred Brendel – Jahrhundertpianist, Zeichner, Schriftsteller und Sammler. Das Konzerthaus Berlin widmet dem Ausnahmekünstler eine zehntägige Hommage. Teil dieser Hommage ist eine Ausstellung von Brendels Privatsammlung, die vom Geehrten selbst ausgesucht wurde.

Brendel hat viele Weggefährten, Schüler und Konzertliebhaber inspiriert. Aber was inspiriert eigentlich ihn? Nun könnt Ihr einen Einblick in sein kreatives Köpfchen erhalten und nicht nur erfahren, was den Meisterpianisten zu schöpferischen Einfällen bewegt, sondern auch welche prägenden Ereignisse und Charakterzüge seine Privatsammlung offenbart. Wir stellen Euch die fünf spannendsten Ausstellungsstücke genauer vor.

 

Dieses Wesen nennt Brendel Die Dame aus Arezzo. In Arezzo nämlich entdeckte er das Mannequin aus der Barockzeit. Es ist keine Mona-Lisa-artige Figur, deren Augen den Betrachter über jede Ecke eines Raumes hinweg verfolgen, denn Die Dame aus Arezzo lebt in ihrer Innenwelt, wie Brendel selbst erklärt:

 

Vorbild für Die Dame aus Arezzo könnte das Gemälde Pala Montefeltro des italienischen Malers Piero della Francesca gewesen sein. Über dem Kopf seiner Madonna hängt ein Straußenei, ein Symbol für Reinheit und Vollendung, von der Decke herunter. Das Ei in Franco Fedelis Dame aus Arezzo ist ihr direkt auf den Kopf gesetzt – für Brendel ein „magischer Einfall“, ein Teil der Figur, der ihr Geheimnis ausmacht.

Ein weiteres Highlight in Alfred Brendels Privatsammlung ist Eugene Jardins Gipsbrendel.

Die Geschichte dahinter ist besonders spannend: Als kunstbegeisteter Musiker hat Brendel das Museum of Modern Art in New York besucht. Nachdem er das Gebäude verließ, fiel ihm in einer Kunsthandlung neben dem Museum ein Phantasietier aus bemaltem Gips auf. Dort wurde ihm erzählt, dass ein junger Künstler aus Südafrika nicht nur Phantasietiere, sondern auch „portraits in two sittings“ kreiert. Brendel hat daraufhin den Mitarbeiter der Kunsthandlung darum gebeten, den Künstler am nächsten Tag in die Carnegie Hall zu schicken, wo er Brendel letztendlich gezeichnet hat. Brendels Gipsfigur vermeidet ähnlich wie Die Dame aus Arezzo jeglichen Blickkontakt. Doch wie sehr stimmt die Fremdwahrnehmung mit der Selbstwahrnehmung eigentlich bei Brendel überein?

 

Glücklicherweise ist Humor eine Eigenschaft, die für Brendel zum Leben gehört, sein ständiger Wegbegleiter. Das gilt wohl auch für den Pianisten Alfred Cortot, der auf einem ebenfalls ausgestelltem Foto von Brendel als Buffalo Bill zu sehen ist.

 

„Der große Pianist hatte, wie es scheint, Humor.“ – Alfred Brendel über Alfred Cortot

 

 

Ein musikbezogeneres Werk in Brendels Privatsammlung sind die Fingersätze von Gottfried Wiegand.

Laut eigener Aussage verdankt Brendel den besten Teil seiner Technik diesem deutschen Zeichner. Dass sich Brendel seine Fingertechnik von Zeichnungen abgeschaut hat und nicht von Musikern oder Lehrern, scheint auf den ersten Blick etwas paradox. Diese Verwunderung löst sich aber relativ schnell in Luft auf, wenn man bedenkt, dass Brendel mehr Wert auf Musikalität und Ausdruck legt.

 

Vielleicht fühlte sich Brendel dem Zeichner Gottfried Wiegand verbunden, da er eben nicht nur komponiert und Klavier gespielt, sondern auch selbst gemalt und gezeichnet hat. In der Ausstellung könnt Ihr drei Porträts von Brendels Freunden sehen, die er 1948 – das Jahr, in dem er seinen ersten Klavierabend gab – kreiert hat.

Die Ausstellung hat aber noch weitaus mehr zu bieten: Unter anderem eine Radierung auf Leinen und eine Fotocollage, die der Pianist beim Üben in seinem Haus vor Augen hat, eine afrikanische Skulptur aus Holz, die mit dem Titel Mein Dirigent versehen ist sowie drei Triptichone mit Gedichten von Brendel. Ganz genau, das Allround-Talent hat auch gedichtet. Alfred Brendel hat eben nicht nur einen Finger zu viel, sondern auch ein Talent zu viel.

 

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Bei Konzerten im Großen Saal ist die Ausstellung im Werner-Otto-Saal für Konzertbesucher mit Ticket jeweils eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn, während der Pause und eine halbe Stunde nach der Veranstaltung geöffnet. Zusätzlich bieten wir Führungen durch die Ausstellung an. Diese finden entweder vor den abendlichen Konzerten statt und sind für Ticket-Inhaber kostenfrei, oder nachmittags um 15.00 Uhr zum Preis von 3 Euro. Treffpunkt ist jeweils im Besucherservice. Weitere Informationen zur Ausstellung und Hommage findet Ihr hier.


 

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