Konzerthausorchester

„Vielleicht sind Koreaner doch zu schüchtern?“

Im Moment hat er noch beides – eine Wohnung in Paris und ein Zimmer in einem Gästehaus in Berlin-Nikolassee. Denn Yubeen Kim ist erst seit vier Monaten hier. Der 19-jährige Flötist aus Daejeon in Südkorea gewann nämlich vor kurzem das Probespiel um die Stelle als Solo-Flötist. Aber spätestens, wenn das Probejahr vorbei ist und das Studium in Paris mit einer Masterarbeit über Isang Yuns Etüden für Flöte beendet, will er die Wohnung in Paris kündigen und sich eine richtige Wohnung in Berlin suchen. Denn Paris sei ganz schön teuer und Berlin-Nikolassee ganz schön weit draußen, gesteht Yubeen grinsend.

Französisch spricht er inzwischen beinahe fließend – kein Wunder nach fast vier Jahren in Frankreich. Erst in Lyon, dann in Paris. Am Anfang sei das schon schwer gewesen, so früh von zu Hause weg und dann in ein Land, dessen Sprache man überhaupt nicht spreche. „Aber ich wollte unbedingt bei diesem französischen Professor Unterricht haben“, erinnert sich Yubeen. Also wagte er sich direkt hinein in den absoluten Kultur-Schock, wie er selbst heute sagt.

Als kleiner Junge hat Yubeen, typisch für koreanische Schulkinder, Geige und Klavier gelernt. Das gehört dort zum Stundenplan. Aber dann fand er doch Querflöte interessanter. Die lag zu Hause rum, weil seine Mutter Unterricht hatte. Yubeen nahm das Instrument in die Hand und schnell war klar, dass er wirklich großes Talent hatte. Sein Vater spielt Kontrabass in einem professionellen Orchester. „Zusammen spielen können wir also nicht wirklich.“ Aber ab und zu setzt sich Yubeen auch heute noch ans Klavier: „Dann geht es.“

Jean-Pierre Rampal, einer der bedeutendsten französischen Flötisten des 20. Jahrhunderts, der im Mai 2000 im Alter von 78 Jahren starb, ist sein Idol. Yubeen bewundert ihn vor allem dafür, dass er über einen so langen Zeitraum so gut Flöte spielte, also eine besonders lange aktive Karriere hatte. Das wünscht er sich auch für sich. Und zwar auf jeden Fall im Bereich der klassischen Musik.

Manchmal hört Yubeen zwar auch Jazz, aber sein Herz schlägt einfach voll und ganz für klassische Musik. Mit solchen Extravaganzen wie K-Pop zum Beispiel, der bunt schillernden Cousine der Popmusik aus Südkorea, kann er gar nichts anfangen. Und wenn man sich so etwas anschaut und -hört, dann kann man das verstehen, oder?

Interessant ist, dass Yubeen Berlin als sehr musikalische Stadt wahrnimmt – die ganzen Straßenmusiker, die viele verschiedenen Musikrichtungen, die man an jeder Ecke entweder live oder aus Boxen hören kann, mag er sehr. Das sei so lebendig und ansteckend. „Die Berliner scheinen Musik richtig zu genießen. So etwas wäre in einer koreanischen Stadt nicht vorstellbar. Ich weiß nicht, woran das liegt – vielleicht weil Koreaner dann doch zu schüchtern sind?“

Diese koreanische Schüchternheit hat Yubeen inzwischen schon fast abgelegt. „Ich finde es ganz wichtig, mit dem Publikum zu kommunizieren, während ich spiele. Wenn ich vor einem Publikum spiele, das mir wie eine kalte Wand gegenübersitzt, dann ist das schon ein großer Stress für mich.“ Lampenfieber kennt der Flötist dagegen kaum. Manchmal, bevor es auf die Bühne geht, erwischt es ihn kurz, aber spätestens, wenn er dann vor dem Publikum steht, ist er total ruhig und auf die Musik und das, was er mit ihr ausdrücken will, konzentriert. „Als ich damals das erste Mal mit dem Konzerthausorchester auf der Bühne stand, war es allerdings schon etwas aufregend. Und zwar nicht wegen des Publikums, sondern wegen der Kolleginnen und Kollegen. Man ist als Flötist mitten im Zentrum des Orchesters, spielt so oft exponierte Stellen – das muss schon gut sein. Aber mittlerweile fühle ich mich auch da sehr wohl.“

Eine seiner Leidenschaften neben dem Flötespielen ist übrigens das Essen. Das verrät Yubeens Instagram-Account auf einen Blick.

#삼겹살

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Zeit, koreanische Restaurants in Berlin zu testen, hatte er bislang noch nicht. Vermutlich hätten sie auch gar nicht sein Lieblingsgericht, das ist nämlich selbst unter Koreanern etwas umstritten: Suppe mit Innereien vom Schwein.
Wie es heißt? So:

Allen, die nicht so mutig sind wie er, empfiehlt er Bulgogi – Grillen auf Koreanisch sozusagen.

Wer jetzt Lust hat, Yubeen einmal live zu erleben, kann das am Mittwoch, 12. April beim Espresso-Konzert. Dort spielt der Flötist gemeinsam mit dem Organisten Stefan Kiessling – Ort und Programm werden wie immer erst kurz vorher bekannt gegeben.
Und natürlich beim nächsten Konzert mit dem Konzerthausorchester Berlin, mitten drin, ganz ohne Lampenfieber und dafür mit den schönsten Flötentönen.

 

Biographie

Geboren in Südkorea. Zunächst Klavierunterreicht, im Alter von neun Jahren dann erster Flötenunterricht. Flötenstudium in Seoul und Lyon (hier unter anderem bei Philippe Bernold und José Daniel Castellon). Bei internationalen Wettbewerben in Korea, Japan und Europa mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er beim Internationalen Wettbewerb „Prager Frühling“ 2015 den 1. Preis. Umfangreiche Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker. Seit 2016 als Solo-Flötist Mitglied des Konzerthausorchester Berlin.

Fotos von: Ralf Forster, Norbert Möller und Renske Steen

 


 

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