Japan-Tournee, Konzerthausorchester

„Musik kann uns helfen, hoffnungsvoller in die Zukunft zu blicken.“

Sie pendelt zwischen zwei Ländern, ihre Heimat ist aber immer die gleiche: Musik. Die japanische Geigerin Sayako Kusaka ist Konzertmeisterin des Konzerthausorchester Berlin sowie des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra (YNSO) in Tokyo. Für ihre Verdienste um die deutsch-japanische Freundschaft wurde sie bereits vom japanischen Botschafter in Berlin geehrt.

Während einer der vielen Zugfahrten im Shinkansen unterhalten wir uns über die Tournee, Unterschiede zwischen Japan und Deutschland. Sayako isst Gyūtan (Rinderzunge), eine japanische Spezialität.


Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Ich bin in Japan aufgewachsen, habe in Tokio und Dallas studiert. Aber es war immer mein Traum, in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Also bin ich nach Freiburg gezogen, wo ich bei Rainer Kußmaul studiert habe. Er ist ein großartiger Lehrer, der mich stark beeinflusst hat. Von ihm habe ich viel über Kammermusik aber auch über Orchesterliteratur gelernt – die perfekte Vorbereitung für das Konzertmeister-Probespiel beim Konzerthausorchester Berlin. Es hat geklappt, seit März 2008 lebe und arbeite ich in Berlin.

Du bist Konzertmeisterin eines japanischen und eines deutschen Orchesters. Gibt es da große Unterschiede?

Oh ja. In der japanischen Gesellschaft ist der Kollektivgedanke stark ausgeprägt. Das Gruppengefühl und die zwischenmenschlichen Beziehungen nehmen einen größeren Stellenwert ein als die individuelle Persönlichkeit. Das zeigt sich auch bei japanischen Orchestern. Die Musiker sind bestens vorbereitet und perfekt im Zusammenspiel. Bei europäischen Orchestern bringen die Musiker ihre individuelle Seite und ihre Ideen viel stärker ein. Und vielleicht ist dir auch aufgefallen, dass das deutsche Publikum sich vom japanischen sehr unterscheidet. Unsere Gäste im Konzerthaus Berlin kommen in Begleitung von Familie oder Freunden, man trifft sich, unterhält sich. In Japan gehen viele alleine ins Konzert, darunter Experten, die zahlreiche Konzerte besuchen und Interpretationen vergleichen. Es ist hier durchaus üblich, nach Konzerten seine Meinung zu twittern und auf seinem Blog festzuhalten. Dabei sind die Besucher oft viel kritischer als die Presse.

Das dritte Konzert unserer Tournee fand in Fukushima statt. Was bedeutet dieses Konzert für dich als Japanerin?

Sehr viel. Ich freue mich, dass das Konzerthausorchester entschieden hat, dort zu spielen. Es war mir ein großes Anliegen, mit den Bewohnern, die so viel erleiden mussten, unsere Leidenschaft für Musik zu teilen. Ich habe 2011 das Erdbeben, den Tsunami und die Reaktorschmelze in Fukushima von Deutschland aus verfolgt und war geschockt. Meine Familie stammt aus Kobe und hat 1995 ein starkes Erdbeben erlebt. Unser Haus wurde stark beschädigt und meine Familie musste drei Monate in einer Notunterkunft wohnen. Ich war 16 Jahre alt, zu der Zeit in Tokyo und konnte nichts tun. Nach Fukushima wollte ich helfen und habe 2011 ein Benefizkonzert bei uns im Konzerthaus Berlin zugunsten kultureller Einrichtungen in der stark zerstörten Stadt Sendai organisiert. Die Unterstützung meiner Orchesterkollegen und des Berliner Publikums war sehr groß. Trotzdem war ich nach dem Konzert traurig, dass die Menschen in Japan das Konzert nicht hören konnten. Gerade deshalb bedeutet es mir sehr viel, dass wir jetzt in Fukushima gespielt haben. Ich denke, Musik kann uns helfen, hoffnungsvoller in die Zukunft zu blicken.

Du bist erstmals mit dem Konzerthausorchester auf Japan-Tournee. Wie fühlt sich das an?

Es ist toll, dass wir gemeinsam in meiner Heimat spielen, und ich freue mich, dass das Publikum bisher so begeistert ist. Ich wünsche mir, dass die Tournee ein großer Erfolg wird und wir bald wieder in Japan spielen.

 

Animated GIF  - Find & Share on GIPHY

 


Und hier noch ein paar biografische Daten zu Sayako:

1979 in Tokio geboren. Studium in Tokio bei Takashi Shimizu, anschließend in den USA bei Eduard Schmieder und in Freiburg bei Rainer Kußmaul. Zahlreiche Wettbewerbsauszeichnungen, darunter der 1. Preis beim internationalen Rodolfo-Lipizer-Violinwettbewerb in Italien, die Silbermedaille sowie der Sonderpreis für die beste Aufführung einer Caprice Paganinis beim Paganini-Wettbewerb, der 3. Preis beim Jean Sibelius Violinwettbewerb in Finnland und die Höchstauszeichnung beim Michelangelo Abbado International Violin Competition. Umfangreiche Konzerttätigkeit als Solistin, Kammermusikerin und Orchesterleiterin in Europa, Japan und in den USA, ergänzt durch Rundfunk- und CD-
Produktionen. Seit März 2008 ist Sayako Kusaka 1. Konzertmeisterin beim Konzerthausorchester Berlin. Seit 2009 leitet sie das Konzerthaus Kammerorchester. Sie spielt eine Violine von Giovanni Francesco Pressenda aus dem Jahre 1822. 2009 wurde sie mit dem renommierten Idemitsu Music Prize ausgezeichnet.

 


 

Kommentar Verfassen